Ungeniert hatte sie sich bereits die Taille aufgeknöpft, und so ging sie nun in ihr Ankleidezimmer, wo Emma bereits auf sie wartete.

Kornelia stand schweigend am Fenster und weinte. Als Roderich das sah, trat er auf sie zu und fragte leise nach dem Grund. Sein Rausch war plötzlich verflogen, denn diese Ereignisse gingen ihm durch den Kopf.

»Wenn man schon ein bißchen Glück in Aussicht hat, dann wird's einem wieder gründlich verdorben,« schluchzte sie auf. »Wenn nur endlich einer käme und würde mich hier herausnehmen, ich wollte ihm schon folgen bis ans Ende der Welt. Was sind wir denn, wir reichen Mädels! Wahl bringt immer Qual.«

Er wurde gerührt und tröstete sie, indem er mit der Hand über ihre Wange fuhr und sie auf ihr seidenweiches Haar küßte, dessen natürlichen Duft er mit väterlicher Liebe so gerne einsog. »Laß nur, was ich tun kann zu Deinem Glück, das tu ich. Mein Wort darauf. Schlaf nur jetzt erst!«

Er drückte noch einen Kuß auf ihre Stirn und ging dann noch einmal hinunter in sein Arbeitszimmer, weil er die Ruhe noch nicht finden konnte.

In dieser Nacht blieb Rudi außer dem Hause. Es kam öfters vor, daß er bei einem Freunde in Lichterfelde übernachtete, wenn er an schönen Tagen hinausgefahren war, und so traf auch richtig am Morgen von dort ein Telegramm ein, daß er erst mittags kommen werde. Der Bankdirektor war heute früher als sonst aus den Federn und zeigte sich sehr ungemütlich über diese Nachricht, denn gerne hätte er sich den Aeltesten gleich beim Kaffee vorgenommen. Er mußte heute früher fort, und so konnte er sich mit dem Vorgang nicht weiter befassen. Man müsse abwarten, was am Tage kommen werde, sagte er zu seiner Frau; auf alle Fälle solle man ihn sofort durch den Fernsprecher benachrichtigen.

Zehn Uhr war längst vorüber und Fröhlich erschien nicht, wodurch die Angelegenheit noch verwickelter wurde und Frau Roderich Grund bekam, neue ungeheuerliche Vermutungen zu hegen. Sie übertrug nun die Rolle Rudis auf den Kandidaten. Entschieden sei das Brautpaar gestern abend zusammengetroffen, habe sich in Berlin vergnügt, und Fräulein habe darüber ihre Pflicht vergessen.

Kornelia war ratlos; sie konnte nur dasselbe befolgen, was der Vater für das Beste erklärt hatte: abzuwarten. Erst um zwölf Uhr erschien der Kandidat und wünschte sehr aufgeregt die Hausherrin zu sprechen. Gleich am frühen Morgen hatte er in einem Rohrpostbriefe von Fanny die nötige Mitteilung erhalten, war sofort zu ihr geeilt und nun hierhergekommen, um bittere Klage zu erheben. Nun aber erlebte er eine kleine Enttäuschung, als ihn die Gnädige höflich aber kühl empfing. Ihr Traum hatte ein Ende, das sah sie ein, und so wollte sie die Ehre des Hauses nach jeder Richtung wahren.

»Ich stehe der ganzen Angelegenheit völlig interesselos gegenüber,« sagte sie mit einem Heben ihrer runden Schultern, ohne diesmal den leisesten Versuch zu machen, ihn zum Platznehmen zu bewegen. »Ich muß Sie schon bitten, sich heute nachmittag an meinen Mann zu wenden. Uebrigens war es durchaus unrecht von Fräulein, so ohne weiteres das Haus zu verlassen. Ich bin in die größte Verlegenheit gekommen.«

»Recht war es, durchaus recht, Frau Bankdirektor,« erwiderte er mit scharfer Betonung. »Meiner Braut muß Genugtuung nach jeder Richtung werden.«