Sie erhob sich zu ihrer ganzen Größe. »Ja, was für eine Sprache führen Sie denn, Herr Kandidat!«
»Die Sprache des anständigen Mannes, der über gewisse Dinge mit sich einig ist. Ich bitte ergebenst, mich von dem Unterricht heute zu entbinden. Ich bin nicht in der Verfassung —.«
»O gewiß, gewiß,« säuselte sie. »Sicher wird mein Mann Sie auch ganz und gar von Ihrer Verpflichtung entbinden, falls Sie es wünschen.«
Er war betroffen und sagte nichts mehr, denn auf diese Wendung war er nicht gefaßt gewesen. Er hatte Sonnenschein sehen wollen, und empfing nun das Dunkel der drohenden Zukunft, das ihn mit Bangen erfüllte. Er verbeugte sich stumm und ging. Draußen drückte er nur flüchtig seinem Schüler die Hand, der sich aber an seinen Arm hängte und ihn bis auf den Treppenflur begleitete. »Ich kann mir schon denken, Herr Kandidat, weshalb Sie Kummer haben,« sagte er zum Abschied. »Aber ich stehe auf Ihrer Seite. Ich lasse mich von keinem andern unterrichten. Sie sollen sehen, ich halte Wort.«
Eine Stunde später kam ein eleganter Herr, wünschte Herrn Roderich junior zu sprechen und übergab dem Diener seine Karte mit dem Bemerken, daß er nachmittag zwischen drei und vier Uhr in einer dringenden persönlichen Angelegenheit wiederkommen werde.
Emil fand nichts Besonderes darin und legte die Karte in des jungen Herrn Zimmer, ohne den Damen etwas davon zu sagen.
Kurz vor zwei stellte sich Rudi wie ein ahnungsloser Engel ein. Er hatte gestern auf alles geachtet, was Fanny tat, bevor sie das Haus verließ, und war zum zweiten Male fortgegangen, wenigstens beruhigt darüber, daß sie den Lärm unten nicht fortgesetzt hatte. Und so spielte er den Erstaunten, als Frau Roderich ihn mit den Worten überfiel: »Rudi, was hast Du getan! Du wirst uns noch die Polizei ins Haus bringen! Papas Zorn kennt keine Grenzen.«
Auf dem Korridor hatte ihm Emma bereits gesteckt, daß Fräulein »ausgerissen« sei, und so war er auf alles gefaßt. Seine Schauspielerei hätte der Mutter in der Zeit ihrer schönsten Triumphe Ehre gemacht. Die durchzechte Nacht noch in den Gliedern, der ein schlechter Schlaf gefolgt war, wehrte er sich mit großer Entrüstung, so daß es laut durch das Zimmer dröhnte. »Das traust Du mir zu, Mama? Na, da hört aber alles auf! Das ist ja wieder mal der reine Ueberfall von Euch, für alles soll ich verantwortlich sein! Wer weiß, wer ihr da oben einen Schreck eingejagt hat. Bräute sehen ja überall männliche Gespenster. Ich war nicht hier, was geht mich die Geschichte an.«
Das Essen wurde schon aufgetragen, und da die Kinder diesmal wieder bei Tisch waren, schwieg man sich in dumpfer Schwüle aus. Endlich sagte er, um zu beweisen, daß er alle Vorgänge in der Familie überwache: »Wann werden denn die Verlobungsringe bestellt, Neli? Heimliche ist wohl gestern schon gefeiert worden? Ihr habt ja da sehr gemütlich mit meinem zukünftigen Schwager zusammengesessen. Ich bin auch mal so'n bißchen drüben durchgestrichen, aber nicht lange. Ich wollte Euch nicht stören!«
»Ja, weshalb bist Du denn nicht heraufgekommen?« warf Frau Roderich ein. »Wir dachten, Du wärst ganz wo anders.«