Die Frau Bankdirektor steckte in einem duftigen, spitzenbesetzten Morgengewand, dessen lange Schleppe, weite Aermel und kurzer loser Halsverschluß eigentlich nur dazu dienten, ihrer häuslichen Koketterie erhöhten Zauber zu geben. Denn trotzdem sie über das Mittelmaß hinausging und stark zur Ueppigkeit neigte, war sie von seltener Beweglichkeit, was mit ihren nervösen Zuständen zusammenhing, die merkwürdigerweise dann am meisten auftauchten, wenn sie die Absicht hatte, ihren äußerst ruhigen und seßhaften Gatten darunter leiden zu lassen. Reich gesegnet mit einer ganzen Auswahl dieser luxuriösen Morgenkleider, von denen sie mit Stolz behauptete, daß sie die meisten aus Paris beziehe, war es ihr ein Vergnügen, an Tagen, wo sie nicht auszufahren hatte und keinen offiziellen Besuch erwartete, bis zur Dinerzeit in diesen zarten Stoffwogen im Hause herumzufegen und sich in loser körperlicher Fülle wohl darin zu fühlen; auch dann noch, wenn die Friseuse bereits ihre umständliche Arbeit verrichtet hatte. Gleich nach dem Aufstehen steckte sie sich sämtliche Brillantringe an, und auch der tiefe Kleidverschluß über der Büste strahlte verlockend seinen Diamantglanz aus.

Die weniger Eingeweihten des Hauses, die behaupteten, über alles Wissenswerte berichten zu können, tuschelten sich in Verschwiegenheit zu, daß Frau Agathe Roderich in früheren Jahren vorübergehend als Sängerin der Bühne angehört habe, und so war es wohl nur eine liebe alte Angewohnheit, wenn sie jeden Morgen etwas stark Rot auftrug, den kühn geschwungenen Augenbrauen nachhalf und auch sonst jene feinen Touchierarbeiten vornahm, die scheinbar eine ewige Frische verleihen, in Wahrheit aber der künstliche Aufputz für verblühtes Fleisch sind.

Sie trat ins Zimmer und brachte den starken Duft von Rosen mit herein, in dem sie sich jeden Morgen förmlich badete, um den trockenen Geruch des Puders zu ertöten, der noch in feinen Andeutungen auf Hals und Armen lag.

»Herr Kandidat, wollen Sie mir, bitte, erklären —?« fuhr sie fort. Ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich vorwurfsvoll an ihren Sohn. »Rudi, ich begreife Dich manchmal nicht! Du mußt doch immer etwas haben! Wie kommst Du dazu, den Unterricht zu stören? Aber das passiert jedesmal, wenn Du nicht ausgeschlafen hast. Heute war es wieder drei, als Du nach Hause kamst. Still! Ich habe Dich kommen hören. Ich werde noch ernstlich mit Papa sprechen müssen.«

»Aber, Mama, ich bitte Dich —. Das sind doch rein private Dinge.«

Ihre Lebhaftigkeit steigerte sich. »Der Herr Kandidat kann alles wissen, er gehört zum Hause. Sei so liebenswürdig und verziehe Dich!«

Schon aber war Fröhlich, der sich dankend verneigt hatte, bereit, für den andern einzutreten und eine passende Erklärung abzugeben. »O, es ist durchaus nichts von Bedeutung, Frau Roderich,« sagte er und hielt sich den Jüngsten von den Beinen, der durch die offene Tür getobt war und aus Gründen des bösen Gewissens sich sofort schmeichelnd an ihn herangemacht hatte. »Eine kleine Meinungsverschiedenheit, die — ich bin überzeugt — Herr Rudi ebenso gern als beigelegt betrachten wird, wie ich.«

Die Frau vom Hause lächelte ihn diesmal stark an, so daß die zwei niedlichen Goldplomben der Vorderzähne sichtbar wurden. Denn es freute sie, daß er endlich einmal in diesem engeren Verkehr das steife »Frau Bankdirektor« fortgelassen hatte, wie sie ihm erst kürzlich nahegelegt.

Rudi jedoch fiel es nicht ein, zu gehen. Er hatte rasch seine pomadige Stimmung wiederbekommen, nahm die Haarnadel vom Tisch und hielt sie seiner Mutter mit den Worten entgegen: »Ein kleines süßes Andenken, Mama, das Fräulein, unser schwer krankes Fräulein soeben hier in Gesellschaft des Herrn Fröhlich verloren hat. Natürlich wunderte ich mich darüber. Das wird man doch noch dürfen.«

Das Gesicht der Gnädigen wurde starr. »Wie, Fräulein war auf?« stieß sie verwundert hervor. »Wie kam denn das? Davon weiß ich ja gar nichts.«