Fröhlich gab abermals mit einigen Worten die Aufklärung, sie jedoch behielt ihr langes Gesicht, in dem unschwer Mißtrauen und Ungläubigkeit zu lesen waren. Sie sagte nichts mehr, aber ihr Blick ging wie fragend von einem zum andern, blieb auf der Haarnadel haften, die nun wieder auf dem Tischchen lag, und kehrte dann zu Rudi zurück, der mit beiden Händen eine Bewegung machte, die soviel heißen sollte, als: »Nun ja, so ist es, nun rede Du!«

Ihre Gedanken wurden durch Trudchen abgelenkt. Hans hatte das Kegelaufsetzen schlecht belohnt und ihr zuletzt eine ungeübte Kugel gegen das Schienbein gerollt, was Veranlassung zu dem Skandal vorher gegeben hatte. Als kleine Komödiantin hatte sie beim Lautwerden der Mutter rasch ihren Schmerz verbissen, weil sie gewöhnt daran war, stets die Strafe zur gleichen Hälfte mit dem Bruder zu tragen. Nun aber, da sie die Luft rein wähnte, kam sie mit entsetzlichem Geheul hereingestürmt. Frau Roderich zog ihr kleines Ebenbild zu sich empor und liebkoste es, indem sie sorgsam darauf achtete, daß weder die Patschen noch die tränenreiche Wange ihrem Gesicht zu nahe kamen. »Ich sehe schon, es geht heut alles verkehrt, mein Kind,« flötete sie ärgerlich, »daß auch Fräulein gerade krank werden mußte! Es scheint aber gar nicht so gefährlich zu sein mit ihr. Vielleicht hat sie sich nur verstellt .... Rudi, meinst Du, daß sie mich belügt?« rief sie ihrem Sohne plötzlich zu. »Ich wäre ja außer mir!«

»Das ist ganz ausgeschlossen, Frau Roderich,« warf Fröhlich höflich ein, innerlich empört über diese Offenheit in Gegenwart der Kinder.

Aber sie beachtete diesmal seinen Einwurf nicht, blickte vielmehr an ihm vorbei, in der Art einer Gebieterin, die sich verletzt fühlt, ihre Gedanken jedoch nicht verraten möchte. Was sie aber verschwieg, sagte ihre heftig arbeitende Brust und die plötzlich hereinbrechende Unruhe, die der Bankdirektor immer dann am unangenehmsten zu empfinden pflegte, wenn er am wenigsten darauf vorbereitet war.

Rudi hob aufs neue die Schultern. »Das kann ich wirklich nicht sagen.« Er sah die Erregung Fröhlichs, und so hielt er es für besser, sich so vorsichtig als möglich auszudrücken.

Aeffi kam auf seinen kurzen Beinen herangesprengt und kläffte vergnügt die Herrin an. Mit seinen hervorstehenden Zähnen, die langen, weichen Strähnen kokett über die Augen gestrichen, ein himmelblaues Bändchen um den Hals, nahm er sich fast wie ein reizendes Spielzeug aus, das man aufgezogen hatte und das nun lustig herumschnurrte. Alle achteten darauf, ihn nicht zu treten, denn er schlüpfte jedem unter den Beinen hindurch, glatt wie ein Wiesel.

»Natürlich, da bist du auch!« sagte Rudi wieder. »Jetzt fehlt nur noch Mausi.«

Dieser Name, der sehr bezeichnend gesprochen wurde, erinnerte Fröhlich daran, daß er das letzte Wort noch nicht gesprochen habe. »Ich hatte durchaus nicht die Empfindung, Frau Bankdirektor, daß Fräulein sich verstellt habe!« sagte er mit Eifer. »Im Gegenteil — sie schien mir noch ein wenig zu fiebern. Schließlich ist sie doch auch ein Mensch, der das Recht des guten Glaubens für sich in Anspruch nehmen darf.«

Frau Roderichs Lippen zuckten, denn die rasche Wandlung in seiner Anrede bestärkte sie in ihrer Vermutung, daß diese Parteinahme eine tiefere Bedeutung haben müsse. »Herr Kandidat, Sie wissen, daß in unserem Hause den Menschenrechten stets nach Bedürfnis Rechnung getragen wird,« sagte sie mit wallendem Busen. »Sie lassen sich zu sehr von Ihren Gefühlen fortreißen. Wir hatten früher ein Fräulein, das allwöchentlich seinen Faulenzertag hatte. Aber es ist müßig, darüber zu streiten, ich werde sie selbst fragen. Immerhin scheint es mir unpassend von Fräulein, aus dem Bett zu springen und in einem wenig repräsentablen Zustand hier zu erscheinen und Sie vielleicht zu belästigen.«

In diesem Augenblick, wo Fröhlich ganz gegen seine Gewohnheit schon zu heftigen Worten greifen wollte, kam ihm von unerwarteter Seite Beistand. Walter hatte während dieser ganzen Zeit unbeweglich in der offenen Tür hinter seiner Mutter gestanden, wie ein blasses Häufchen Unglück, das von Spitzen und Seide erdrückt wird. Den Kopf tief zwischen den Schultern, waren seine großen Augen hin und her gegangen, während er die Hände wiederholt emporgehoben hatte, als wollte er sich zur Rede melden. Nun trat er vor und fuhr ohne weiteres dazwischen. »Aber, Ma'chen, ich habe ja alles gehört, wie es zuging. Der Herr Kandidat spricht ja immer laut und verständlich. Es ist so, wie er es erzählt hat. Fräulein ängstigte sich um Trudchen, und da bat er sie gleich, nicht auf Rudi zu hören, wenn er immer nach dem Zoologischen Garten geht, um sie dort zu treffen. Der Herr Kandidat meint es immer gut. Rudi, Du mußt es doch auch gehört haben. Verstell Dich doch nicht! Du hast ja an der Tür gehorcht! Fräulein hat Dich einen »dummen Jungen« genannt. Es ist so, ich kann nicht lügen.«