»Ach so,« kam es gedehnt über der Gnädigen Lippen, aber mehr zweideutig, mehr zu ungunsten Fröhlichs.

Rudi drehte sich mit einem Ruck herum, und es war, als wollte er die Hand nach seinem unglücklichen Bruder ausstrecken. »Ach, Du Fex,« knirschte er hervor. »Du träumst wieder, Du Gnom!«

Walter trat zurück und lachte, mehr fröhlich als boshaft, wie erfreut über eine gute Tat. »Siehst Du, ich habe wahr gesprochen. Du nennst mich wieder Gnom, das tust Du immer, wenn Du Dich getroffen fühlst.« Sein Lachen verschwand. »Schlage mich doch, Du kannst es ja, Du bist stärker. Aber denkst Du, ich fürchte mich vor Dir? Der Herr Kandidat ist bei mir, der duldet das nicht. Und wenn Du ihn auch im geheimen ›Aeffi‹ nennst und Fräulein ›Mausi‹, er spricht doch nur Gutes über Dich. Und ich habe auch gehört, was er Dir selbst alles gesagt hat. Du solltest Fräulein nicht belästigen und daran denken, daß sie sich hier im Hause ihr Brot verdienen müsse. Es war so schön gesprochen. Der Herr Kandidat spricht immer schön. Und nun kannst Du mich noch zehnmal Gnom nennen, ich hab's Dir doch gegeben, und das freut mich. Ma'chen sollte es wissen.«

»Ach, Du langweiliger Peter, Du.« Rudi hob verachtungsvoll die Schultern und ging hinaus wie ein hochmütiger Prinz, der sich seines Wertes bewußt ist.

Frau Roderich sah ein, daß sie etwas gut zu machen habe, und so reichte sie Fröhlich die Fingerspitzen ihrer Rechten und sagte mit einem leichten Lächeln: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Kandidat, für Ihre gute Meinung von uns allen. Aber mit neunzehn Jahren ist man manchmal ungezogen. Rudi soll das einsehen. Aber seien Sie ganz beruhigt! —: Das sind Jünglingsflausen, wie sie bei hundert andern vorkommen.«

Sie nickte gnädig, trieb die Kinder in ihr Zimmer, nahm Aeffi auf den Arm und rauschte ebenso majestätisch hinweg, wie sie gekommen war.

IV.

Frau Roderich war »geladen«, wie man zu sagen pflegt, wenn die Explosion der Gefühle nur noch auf den Zündstoff wartet. Eine ästhetisch veranlagte Natur, die seit Jahren behauptete, von ihrem Manne nicht mehr verstanden zu werden, und das in um so größerem Maße, je mehr der Bankdirektor von seinen Kurszetteln in Anspruch genommen wurde, und je weniger sie sich dazu verstehen konnte, ihr nach künstlerischen Genüssen lechzendes Sonderleben aufzugeben, glaubte sie seit einiger Zeit in dem Hauslehrer den großen Geistesverwandten gefunden zu haben, der die erschütterte Harmonie ihrer Seele wiederherstellen könnte. Alles natürlich in Andeutungen, rosenrot hingehaucht, aber manchmal doch so feurig, das Fröhlich es hätte merken müssen; namentlich an Tagen, wo sie ihrer schon bedenklich eingerosteten Stimme zu neuem Glanze verhelfen wollte, nachdem sie ihn förmlich zur Klavierbegleitung kommandiert hatte. Dann äugelte sie ihn bezeichnend an, wählte mit Vorliebe Lieder, deren Text er ihrer Meinung nach unbedingt als Aussprache ihrer Gefühle erkennen mußte, und näherte sich verwegen seiner Wange, wenn ihre gemachte Kurzsichtigkeit es erheischte, über seine Schulter hinweg auf die Noten zu blicken.

Aber der in dieser Art Ausgezeichnete zeigte sich merkwürdig verständnislos und wurde um so schweigsamer, je redseliger sie in solchen Minuten wurde. Stets blieb er der zwar liebenswürdige und angenehme Gesellschafter, der gern bereit war, auf jede Unterhaltung einzugehen, aber doch in jenem gehörigen Abstande, der den Menschen von Grundsätzen und Erziehung auszeichnet, noch dazu in dem Hause seines Brotgebers.

Frau Agathe gehörte nicht zu den Vollweibern, die sich über alle Schranken hinwegsetzen und gleich mit großen Bissen auf die verbotene Frucht zuschnappen. Sie naschte nur gern davon, mehr aus Zerstreuung als aus Genußsucht, und so gab es ihr schon Befriedigung, diese verbotene Frucht stets in ihrer Nähe zu wissen, reif nur für sie, wenn sie es wagen würde, einmal wirklich Sehnsucht danach zu empfinden. Stark eingenommen von sich, wäre es ihr wie eine Auflehnung gegen ihre Herrscherinstellung im Hause erschienen, beinahe wie ein Verbrechen an dem guten Geschmack, wenn Kandidat Fröhlich im Ernste ihr Widerstand geleistet haben würde, sobald sie ihm einmal ihre Neigung offen zu erkennen gegeben hätte. Aber als Mutter großer Kinder war sie weit davon entfernt, sich zu vergessen; sie spielte vielmehr nur mit ihren Gefühlen, um ihre Seelenöde auszufüllen, wie sie sich selbst gestand, und so war ihr später Johannistrieb mehr eine stille platonische Neigung, die immer auf den Zufall wartete, der ihr endlich das Wunderbare bringen sollte.