Nun aber hatte ihre Zuversicht eine starke Erschütterung erhalten, denn mit dem feinen Empfinden der verliebten Frau hatte sie sofort bemerkt, daß Fanny Frank dem Kandidaten nicht gleichgültig war. Ein sogenanntes »Fräulein«, ihr eigenes sogar, drohte, sich im Herzen ihres Günstlings einzunisten — des studierten, klassisch gebildeten Mannes, der ohne Zweifel eine große Zukunft hatte und durch seine Persönlichkeit sicher große Erfolge bei ganz andern Frauen (sie rechnete sich bescheidenerweise zu dieser Gattung) gehabt hätte, wenn er aus seiner Schüchternheit hervorgetreten wäre! Es war einfach shocking! Ihre Eigenliebe war tief verletzt, und nur mit Mühe hatte sie ihre offene Erregung unterdrückt. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre sich wie eine gedemütigte Frau vorgekommen, die eine Schlange an ihrem Busen genährt hat. Denn bilderreich, wie ihre Phantasie war, suchte sie auch stets nach romanhaften Ausdrücken für ihr eingebildetes Leid.

Sie brachte Aeffi in seinem Körbchen unter, strich zärtlich über seine seidenen Flocken und besichtigte sich dann rasch in einem kleinen Stellspiegel, um sich zu überzeugen, ob die Aufregung ihrem künstlichen Teint nicht geschadet habe. Dieses Kristallglas in Palettenform stand auf einem kleinen Fenstertischchen, gerade ihrem Lieblingssitz gegenüber, so daß sie, wenn sie in ihrem Faulenzer lag, nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihr holdes Antlitz mustern zu können. Die Krähenfüße um die Augen machten ihr stets Sorge, und so war es nicht zu verwundern, wenn diese Bespiegelung während des Tages in gewissen Abständen mit jener liebevollen Angewohnheit vorgenommen wurde, von der nervöse Menschen nun einmal nicht lassen können.

Der Bankdirektor bewohnte ein villenartiges zweistöckiges Haus am unteren Kurfürstendamm, das an der einen Seite eine breite Einfahrt hatte. Im Parterre lagen die Gesellschaftsräume, dessen Hauptzierde der riesige Verandasaal war, aus dem man über wenige Stufen hinab in den vorderen Schmuckgarten gelangen konnte, der im Sommer durch seinen riesigen gewölbten Blumenstern die Augenweide der Vorübergehenden war. Das erste Stockwerk war im Innern durch eine reich geschnitzte Wendeltreppe mit dem Erdgeschoß verbunden. Oben führte man das bequeme häusliche Leben, in dem nur der Hausherr fehlte, der sich stets nach unten flüchtete, um ungestört zu sein. In der schönsten Ecke, Straße und Nebengarten zu, hatte Frau Agathe ihr Boudoir aufgeschlagen, in dem es stark nach »Orient« roch, wie Roderich zu sagen pflegte, wenn er bei schlechter Laune einmal die übliche Spitze austeilte, worauf er dann regelmäßig den leichten Dämpfer bekam, daß es nicht jedermanns Geschmack sei, mit Aktien die Wände zu tapezieren. Er lachte dann gemütlich und verzieh mit Laune seiner Frau die kleine Bosheit. Er war nun einmal für Licht und Luft, wogegen die holde Agathe mehr für die geschlossene, wohlige Dämmerung zeigende Bühnenkulisse war.

Theatralischer Aufputz verschönte ihr das Leben, und so hatte sie sich ihr Boudoir danach eingerichtet. Türkische Teppiche an den Wänden, mit bunten Fächern besteckt, die Decke mit einem Seidenplan bezogen, aus dessen Ecken Baldachine herabhingen, die als luftige Behänge von Statuen und Büsten dienten. Auf jedem Wandbrettchen Vasen, Flaschen und Teller in allen möglichen Formen, die chinesische und türkische bevorzugt, und darüber Stoffgirlanden, farbig wie das Morgenland, mit lang herabwallenden Enden. Das Himmelblau herrschte vor, hauptsächlich an der Decke, wo goldene Sternchen sich in der hängenden Seide wiegten. Auch die Tische waren damit überspannt, und nur die Füße hatten den Vorzug, ihr weißlackiertes Holz zu zeigen. Ueberall ein seltsames Gemisch von bunten Fetzen und Troddeln, durch das die stumme Farbensymphonie wie etwas Verwirrendes ging, das auch die Sinne berauschte. Und aus allem drang ein Geruch von zersetztem Rosenöl und all dem Toilettenduft, den eine launische und verwöhnte Frau und ihr weiblicher Besuch aus der großen Welt hier hineingetragen hatte.

Nebenan lag ein kleines Kabinett, dessen offene Tür mit einem Rohrvorhang verhängt war. Frau Roderich raste hindurch, daß es laut knisterte, und eilte in das große Balkonzimmer, in dem zumeist die Hausmusik getrieben wurde. Die breite Glastür stand auf, und so zog die Würze dieses Maienregentages in breiten Luftwellen herein. Draußen strahlte wieder die helle Sonne, welche die letzten Regenstriche in flüssige Silberfäden verwandelte, die nur noch schwerfällig zur Erde strebten.

»Rudi, bist Du da?« Ihre Molltöne klangen laut zum Balkon hinaus, auf dem aber nur der Gärtner beschäftigt war, die Brüstung mit Blumentöpfen zu schmücken. Aber ihr Auge hatte in diesen Minuten keine Freude daran, wie all das lachende Grün draußen samt dem frischen Erdgeruch ihre Verdrießlichkeit nicht verscheuchen konnte. Sie fegte weiter mit ihrer Schleppe, durch die übrigen Zimmer, und schließlich die Wendeltreppe hinunter in den Verandasaal. Hier fand sie ihn, wie er, den Hut auf dem Kopf, ein dünnes Stöckchen schwingend, zwischen den Säulen stand, wie jemand, der nicht weiß, ob er gehen soll, oder nicht. Selbst der Pfiff, der ihm über die Lippen kam, klang wenig unternehmungslustig.

»Ich denke, Du bist geknickt, und Du pfeifst?« stieß sie hervor.

Er kam herein und nahm den Hut ab. »Aber Ma'chen, weshalb soll ich nicht lustig sein? Wenn man so etwas sieht, was ich soeben gesehen habe. — Ist Neli schon oben?«

Kornelia war die älteste Tochter der Roderichs, die vor einer Stunde ausgegangen war, um sich Zeichenmaterial zu holen.

Frau Agathe schüttelte nur mit dem Kopf, weil ihr diese Frage nebensächlich erschien. »Na, was hast Du denn gesehen — gar nichts,« fuhr sie fort, in Gedanken immer bei dem Fräulein, während er etwas anderes im Sinne hatte.