»Feigheit?« schrie er sie an. »Laß Deine kecken Worte!«

»Ja, Feigheit. Ich wiederhole es. Walter hat Dich wieder nach Hause kommen sehen und hörte auch, wie Du zum zweiten Male fortgingst. Du warst also doch oben! Fräulein Frank lügt nicht, aber Du bist voll Unwahrheit. Laß nur Papa nach Hause kommen, Du sollst schon klein werden und Abbitte leisten!«

»Ich?«

Es sollte noch ausfallend klingen, aber er verlor seine Haltung und stand mit verzerrtem Gesicht vor ihr, wie eine entthronte Größe, die jämmerlich zusammengeschrumpft ist. »Dieser Gnom soll sich lieber um seine Schularbeiten kümmern!« sprach er hinter ihr her, als sie die Wendeltreppe hinaufging.

Der Bankdirektor nahm heute sein Diner auffallend rasch ein, so daß Emil sich beeilen mußte, ihm den üblichen Bericht zu erstatten. Kaum hatte Roderich die Serviette weggelegt, so ließ er seinen Sohn herunterrufen. Wenn der Bankdirektor etwas durchführen wollte, ging er gerade auf sein Ziel los. So sagte er denn kurz: »So, mein Junge, nun setze Dich hier an meinen Platz, schreibe ein paar höfliche Zeilen an Fräulein Frank und bitte sie um Verzeihung für Deine — sagen wir milde: Unart. Mach, mach — ich will den Brief gleich wegschicken. Das übrige mit dem Leutnant werde ich selbst besorgen, damit Du nicht gar zu beschämt dastehst.«

Rudi strich lächelnd sein Bärtchen. »Aber, Papa, ich bitte Dich, — das ist doch nicht Dein Ernst?«

Der Bankdirektor beherrschte sich noch. »Rasch, ich warte nicht lange, die Brücke ist Dir gebaut.«

Als dann wieder eine Zwischenbemerkung folgte, erhob er in maßlosem Zorne die Hand. Aber er hatte es nicht nötig, zu schlagen, denn sein Blick bezwang den Sohn, der unter dieser Drohung sich dazu bequemte, den Wunsch zu erfüllen.

»So,« sagte Roderich wieder gemütlich und schloß den Brief. »Und nun noch eins, mein Junge. Berlin ist nichts für Dich, das sehe ich schon. Es ist zu klein für Deine weitgehenden Ansichten über Fleiß und Moral. Zum Offizier bist Du verdorben, das wirst Du selbst einsehen, denn die nötige Tapferkeit bringst Du nicht mit ... Du mußt in ein größeres Reich mit freieren Anschauungen. Wir wollen den letzten Versuch machen. Spremberg ist auch eine schöne Gegend, dort kannst Du's noch einmal in einer Fabrik wagen. Ich werde morgen gleich an einen Geschäftsfreund schreiben.«

»Ganz wie Du willst, Papa.« Er biß die Zähne zusammen und ging davon.