Noch am selben Tage setzte sich Roderich mit Leutnant Frank in Verbindung und drückte ihm sein lebhaftes Bedauern über den Vorfall aus, der durch die bereits erfolgte Abbitte seines Sohnes dem Fräulein Schwester gegenüber etwas abgeschwächt sei. Trotzdem sei er auch zu jeder andern Genugtuung bereit, soweit sie sich mit seinem Gefühle vertrage. Als dann Fröhlich sich bei ihm melden ließ, dauerte die Aussprache nicht lange, denn Roderich hatte alles getan, was in seinen Kräften lag.
Schon am Morgen des zweiten Tages schrieb Frank höflich, daß er auf Wunsch seiner Schwester die Angelegenheit nunmehr für erledigt halte und zugleich seinen Dank abstatte für das Eingreifen Roderichs, was ihm völlig genüge.
Agathe atmete auf, denn das Leben Rudis war gerettet. Er hatte ihr schon einen Schreck eingejagt dadurch, daß er von der »Notwendigkeit eines Pistolenduells« sprach, bei dem »einer auf dem Platze bleiben« müsse. Sie konnte nicht einmal im Geiste Schüsse knallen hören, und schon der Anblick eines Revolvers, den er in seinem Zimmer hatte, ließ ihre Nervenmusik schrill ertönen.
Fanny kam eines Abends und packte selbst ihre Sachen, und Roderich benutzte diese Gelegenheit, ihr noch einmal persönlich sein Bedauern über alles auszusprechen.
Nach einer Woche trat Rudi seine Fahrt an, um sich nun endlich die »Hörner abzulaufen«, wie sein Vater meinte. Es gab einige Tränen der Mutter, die aber schließlich fand, daß es so das beste sei. Nun war die Luft rein, und Kornelia konnte die gelockerten Fäden zwischen Berlin und Spandau wieder straffer ziehen.
Leutnant Frank kam und machte seinen Besuch, um sich bei Roderich nochmals für die rasche Erledigung der Angelegenheit zu bedanken, eigentlich aber war es ihm darum zu tun, sich der Dame seines Herzens mit einem gewaltigen Schritt zu nähern. Er merkte bald, daß ihm von Seiten ihres Vaters nichts im Wege stand, und so schied er mit der Zuversicht, noch vor der Sommerreise der Familie die erste offene Einladung zu erhalten.
Seitdem Agathe das Wort »Sanatorium« hatte fallen hören, war sie auffallend liebenswürdig zu ihrem Manne und steckte sich hinter den Hausarzt, der Roderich plötzlich Vorwürfe machte, wie er ihm zutrauen könne, jemals einen derartigen Gedanken geäußert zu haben. Er habe das nur bildlich gemeint und finde die Frau Bankdirektor überhaupt seit einiger Zeit sehr ruhig. Vier Wochen Schwarzwald oder Tirol würden gute Dienste tun.
»Ich werde meine Frau nächstens selbst behandeln,« sagte Roderich grimmig.
»Das sollten Sie nur tun,« warf der Sanitätsrat höflich ein und bürstete wie gewöhnlich seinen Zylinderhut mit dem Aermel ab. »Aber liebevoller, wie es sich für Nervöse gehört. Essen Sie wieder zusammen an einem Tische!«
Roderich lachte, sagte aber nichts. Schließlich versteckte sich auch so ein alter Junggeselle hinter dem Unterrock seiner Patientin.