Es war am Tage vor der Abreise, als der Bankdirektor noch einmal den Kandidaten sprach, der nun Ferien bekam und sich verabschieden wollte. Er hatte sich inzwischen öffentlich verlobt und schwamm in den Wonnen der Bräutigamszeit, die höher gingen bei dem hoffnungsvollen Ausblick in die Zukunft.

»Sie haben sich mal beleidigt gefühlt über das Wort ›Familiensklave‹,« sagte Roderich. »Das war nicht schön von meinem Sohn, aber eine kleine Genugtuung möchte ich Ihnen doch noch geben. Sehen Sie mich an, ich bin der größte Sklave meiner Familie, den Sie sich denken können. Sozusagen einer von sechs Köpfen. Ich bin Direktor einer großen Bank, habe zwei Häuser und eine Villa und bin das, was man einen reichen Mann nennt. Aber glauben Sie, daß ich wahrhaft glücklich bin? Ihnen kann ich's ja sagen, Sie wissen ja, wie's im Hause steht. Etwas Sklaventum steckt in uns allen, und wenn wir auch noch so stolz den Kopf erheben, heimlich beugen wir doch den Nacken um des lieben Friedens willen, der uns das Salz des Lebens ist ... Auf Wiedersehen!«

Der Kandidat nickte aus Höflichkeit. Als er aber dann hinaus war, dachte er: »Der kann klug reden bei seinen sechs Gängen.« Und seine Gedanken gingen zurück in all die trübe Zeit, die er durchlebt hatte in der Demütigung eines gebildeten Mannes. Freiwilliges Sklaventum war eben ein anderes, als das »der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe«.

Verlag Continent, Theo Gutmann

Marie Madeleine:

Aus faulem Holze

Novellen

broschiert Mk. 2,50 / elegant gebunden Mk. 3,50

Man kann die Verfasserin nicht einen weiblichen Tovote nennen, denn neben ihr erscheint Tovote grob, in Deutschland bilden diese Skizzen eine Gattung für sich. In die Hände jugendlicher Personen gehören sie nicht ...