Frau Roderich achtete nicht mehr auf seine Worte, denn ihre Gedanken waren bereits wo anders. Und auch er verbarg die seinigen nur unter den leeren Worten, die ihr zur Beruhigung dienen sollten. Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck ihr wieder zu. »Wenn Du wüßtest, was ich gesehen habe, Ma'chen! ... Sage mal, kannst Du mir nicht zwanzig Mark pumpen — bis morgen? Ich muß dann Papa wieder breit schlagen.«

Sie erschrak, denn sofort dachte sie daran, sie könnte am vergangenen Nachmittag etwas unvorsichtig zu Fröhlich gewesen sein. Seit einiger Zeit steckte Rudi auffallenderweise oft den Kopf ins Musikzimmer, und gerade immer dann, wenn die Wogen ihrer Seelenwallungen besonders hoch gingen. Die regelmäßige Folge davon war eine Anleihe bei ihr.

»Ist Dein Taschengeld schon wieder alle? Ich möchte wissen, was Du manchmal so an einer Nacht läßt!« Aber schon hatte sie ihr silbernes Netztäschchen hervorgeholt und reichte ihm das Goldstück hin, mehr aus Angst als aus gutem Willen.

»Meine Zuckermama!«

»Na, na, na! Ich kenne Deine Schmeicheleien schon, die sich immer nach meiner offenen Hand richten. Von wiedergeben ist ja doch keine Rede.«

Stets besorgt um ihre Frisur und um ihre sonstigen Toilettenkünste, wehrte sie ihn mit beiden Händen ab.

»Denk' Dir nur, ich habe Neli mit einem Leutnant gesehen. Sie standen drüben und sprachen zusammen. Um sie nicht in Verlegenheit zu setzen, verzog ich mich, denn ich dachte, sie würden hier vorüberkommen.«

Frau Roderich atmete auf, aber sofort taten ihr die zwanzig Mark leid. »Dabei ist doch nichts Besonderes zu finden. Ich glaubte wunder, was Du mir sagen würdest,« stieß sie ärgerlich hervor. »Das wird der kleine Sanden gewesen sein. Der ist ja schon lange in sie verschossen, sie mag ihn aber nicht.«

»Nein, der war es nicht. Auch keiner von den anderen Bekannten. Ein ganz Fremder. Sie tat ungemein freundlich. Wer weiß, wer da wieder nach dem Kommißgeld gampelt. Hoffentlich tanzt nun endlich einmal der richtige an. Meinen Segen hat er schon vorher.«

»Daraus wird sie sich gerade etwas machen. Zerbrich Dir nur nicht immer über uns andere den Kopf. Laß nur Neli tun, was sie will! Sie ist selbständig genug, ein ganz anderer Schlag als Du.«