»Na hör' mal —! Die hat ja auch Fischblut«.
Sie ließ ihn stehen und rauschte wieder die Treppe hinauf, dann, oben angelangt, durch den langen Korridor, der sich wie eine Kegelbahn tief nach hinten zog. Sie klopfte flüchtig an Fräuleins Zimmer und trat schon hinein, ehe das Herein ertönte.
Es war ein nettes kleines Stübchen, das nach dem hinteren Garten hinaus lag, einfach, aber reichlich ausgestattet. Selbst ein ausgedientes Sofa hatte man noch an die Wand gequetscht, so daß die Schranktür zur Notdurft aufgehen konnte. Das Bett stand dicht an der Tür. Auf dem Tischchen am Fenster prangte im Glase ein Strauß duftiger Maiblumen, der mit seinem frischen Geruch den ganzen Raum erfüllte. Ein kleines Brettergehänge an der Wand war mit Büchern gefüllt, und auf dem Tischchen hinter den Blumen standen verschiedene Photographien in einfachen Rähmchen.
Sofort lockerte sich die schlechte Stimmung Frau Agathes. »Aber Kindchen, was für eine Luft! Haben Sie gar nicht daran gedacht, das Fenster zu öffnen? Sie waren doch auf!« Trotzdem sie stundenlang in ihrem Boudoir wie eingekapselt saß, schrie sie bei anderen stets nach frischer Luft, und gerade jetzt mit besonderer Betonung, um eine Schleuse für ihren Groll zu finden. Noch vor wenigen Tagen hatte sie zu ihrem Manne Fanny Frank ganz besonders darin gelobt, daß sie stets das Zimmer lange lüfte.
Die Leidende richtete sich empor. Bisher gewöhnt daran, stets höflich begrüßt zu werden, hatte sie sich freudig überrascht beim Eintritt der Gebieterin gezeigt, nun aber schwand rasch das Lächeln. »Das Fenster war eine ganze Zeit lang offen, gnädige Frau,« gab sie betroffen zurück. »Ich wollte es nicht zu lange auflassen. — Mir war nicht gut zu Mute.«
Frau Roderich wurde um einen Grad freundlicher. »Wie geht's Ihnen denn jetzt? Muß zum Arzt geschickt werden?«
Fräulein schüttelte mit dem Kopf. »Ich danke für gütige Sorge um mich. Morgen wird's wohl besser sein.«
»Haben Sie sich auch nicht den Magen überladen? Manchmal kommt's davon, und Sie essen ziemlich stark.«
Fräulein lächelte: »Ich esse doch nicht stark, gnädige Frau.«
Da das der Tatsache entsprach, so vermochte Frau Roderich darauf nichts zu erwidern, aber der Widerspruch reizte ihre schlechte Laune, und so fuhr sie schroff fort: »Sind die Blumen dort aus unserm Garten?«