»Ich weiß es nicht, gnädige Frau. Der Herr Kandidat schickte sie heute morgen mit dem Wunsche zur Besserung herein.«
»So werden sie wohl aus unserem Garten sein.«
»Es kann wohl sein, gnädige Frau.«
Diese Aufmerksamkeit Fröhlichs wühlte Frau Roderichs Groll noch stärker auf. »Ich begreife nur nicht, wie man aufstehen kann, wenn man so krank ist, wie Sie es heute früh sein wollten,« platzte es ihr heraus. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Der Skandal der Kinder, nicht wahr? Es war Ihnen doch hauptsächlich darum zu tun, sich dem Herrn Kandidaten zu zeigen.«
»Aber gnädige Frau!«
Fanny Frank gab ihrem Oberkörper einen erneuten Ruck und stützte sich auf die Ellbogen. Ihre Röte wurde um einen Schimmer blasser, und ihr Atem ging heftiger, während sie mit leicht geöffneten Lippen die großen Augen auf die Gestrenge richtete.
»Schon gut, ich denke mir mein Teil,« sagte Frau Roderich mit lebhafter Handbewegung. »Ich liebe es nicht, wenn mein Fräulein ihre Stellung vergißt.«
»Aber das tue ich doch nicht, gnädige Frau — niemals.« Um ihre Lippen zuckte es leise, und sie hatte die Empfindung, als müßte sie weinen über eine ihr angetane Schmach.
»Sich selbst vergißt,« ging Frau Roderichs Redestrom weiter, während sie nun nervös beide Hände in den Gelenken drehte, als wollte sie die Finger von sich schütteln. »Denn das geschieht doch, wenn Sie sich vor dem Hauslehrer in einem Zustande zeigen, daß die Haarnadeln nur so herumfliegen. Bitte, keine Widerrede, es ist wahr! Mein Sohn hat sich sogar darüber aufgehalten. Ich schätze durchaus Ihre Vorzüge, denn sonst hätte ich Sie nicht in mein Haus genommen und Ihnen die Kleinen anvertraut. Das ist ja auch selbstverständlich, daß Sie Ihre Pflicht tun. Aber ich muß sehr darum bitten, — ich betone das ausdrücklich, Fräulein —, daß Sie sich bei mir in denjenigen Grenzen halten, die die Schicklichkeit verlangt! Nach jeder Richtung hin. Vor allen Dingen dulde ich keine Anbändeleien mit dem männlichen Personal, sollte sich das auch nur in stillen Wünschen zeigen. Deutlicher vermag ich nicht zu werden. Ueberdies muß ich Ihnen sagen —«
Sie wollte noch auf Rudi und den Zoologischen Garten zu sprechen kommen, unterbrach sich aber und verbesserte sich mit den Worten: »Aber das lassen wir lieber.«