Als sie aber sah, wie sich die ersten großen Tränen aus den Augen Fräuleins stahlen, wurde sie milder. Und so sagte sie: »Aber deshalb brauchen Sie nicht zu weinen. Ueber solche Dinge muß man sich aussprechen. Regen Sie sich nicht auf! Bleiben Sie ruhig liegen, man soll Ihnen alles ans Bett bringen. Und fehlt Ihnen etwas, so klingeln Sie nur.«

Fanny Frank fand nur noch die Kraft, abwehrend eine Bewegung mit dem Kopf zu machen, dann, als die Türe von draußen geschlossen wurde, weinte sie heiß in das Kopfkissen hinein, wie in grenzenloser Verlassenheit, in der die Tränen wohl Erleichterung, aber nicht Erlösung bedeuten.

Auf dem Korridor verhallte ein Triller des Frohlockens, der sich aber wie gequält aus der Kehle rang. Das knisternde Rauschen des schleppenden Gewandes war der Text dazu, der dann über die weichen Teppiche der Zimmer sich nur noch verschwommen hervorwagte, während die Härte der Kehllaute dieselbe blieb.

V.

Mit geröteten Wangen war Kornelia nach Hause gekommen und unbemerkt in ihr Zimmer gelangt, das durch eine verbaute Tür getrennt, neben dem Boudoir der Mutter lag. Von hier aus konnte sie gleich in ihr »Atelier« gehen, in einen kahlen, nur mit Zeichnungen und Oelskizzen beklebten Raum, dessen untere Fensterteile mit Wachsleinewand verhängt waren, der durch die oberen Scheiben ruhiges Nordlicht empfing, und von dem aus man überdies einen schönen Blick nach dem benachbarten Garten hatte.

Seitdem die »stolze Kornelia«, wie sie ohne jeden Grund von mißgünstigen Freunden und abgefallenen Verehrern genannt wurde, im vorigen Jahre ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war sie plötzlich von der Einbildung erfaßt worden, sie werde alte Jungfer bleiben, und so hatte sie sich mit Eifer auf die Malerei geworfen, zu der sie ein hübsches Talent mitbrachte, namentlich für Landschaft und Genre. Nach einem Lehrjahr bei Skarbina, dem sie viel zu verdanken hatte, trieb sie auf eigene Faust Studien und füllte ihre Zeit nett damit aus, ganz in der Weise eines klugen und gebildeten Mädchens, das sich früh gereift vorkommt und für ihren frühzeitigen Weltschmerz die nötige Ablenkung haben möchte. Denn Neli hatte bereits eine sogenannte unglückliche Liebe hinter sich; sie bildete es sich wenigstens ein, während ihre Nächsten durchaus nicht dieser Ueberzeugung waren, allerdings in grundverschiedener Ansicht. Der Bankdirektor, der die Aelteste als sein Ebenbild besonders ins Herz geschlossen hatte, sprach von einer »Selbsttäuschung des Herzens«, Frau Agathe jedoch maß ihrem Stolze allein die Schuld bei und redete so andauernd von »unverständlichen Mädchenlaunen«, daß sie ihrer Tochter dadurch heimlich Tränen entpreßte. Und was Rudi betraf, der bei jeder Gelegenheit seine kleinen Unausstehlichkeiten zum besten gab, so hatte er für Neli das schöne Wort »lackierte Schachtel« erfunden, die man stets mit Glacéhandschuhen anfassen müsse, um den Glanz nicht zu verwischen.

Kornelia ertrug alles mit stiller Duldung, denn sie glaubte ihre Gefühle besser zu kennen.

Sie war noch nicht zwanzig Jahre, als sie auf einem Balle den betreffenden »Richtigen« kennen gelernt hatte, einen sehr schneidigen Gutsbesitzer in der Nähe Berlins, dessen kranke Braut sich andauernd im Süden aufhalten mußte. Er sprach ganz offen zu ihr darüber, daß an eine Gesundung nicht zu denken sei, und daß er sich nur verlobt habe, um den Wunsch seiner alten Mutter zu erfüllen. Sie kam aber über die kranke Braut nicht hinweg, deren Bild ihr immer vor Augen schwebte, und was Zartgefühl an ihr war, hielt der andere, der ihr keck den Hof machte, für absichtliche Kälte. Als dann wirklich die Braut starb, der er nur Brudertränen nachweinte, war sein Herz bereits von einer dritten mit Beschlag belegt worden. Nun war es zu spät, denn niemals hätte Kornelia den Anschein erwecken wollen, sie gönnte der neuen Braut nicht ihr Glück.

So entwickelte sie sich allmählich zu einem »unverstandenen Mädchen«, zu dem Typus einer Tochter in gutem und reichem Hause, die in allen Dingen verwöhnt ist, nur die Hand auszustrecken brauchte, um an jedem Finger einen Zukünftigen zu haben, und die sich doch einsam und verlassen vorkommt. Schuld daran waren hauptsächlich die Familienverhältnisse. Bei Roderichs lebte jeder für sich. Der Vater hatte nur das Geschäft im Kopf, die Mutter ihren falschen Theaterglanz, Rudi ging seinen Lebejungenpassionen nach, und die Jüngsten verstimmten Kornelia durch ihre Unarten. Dem aufgeweckten Walter fühlte sie sich geistesverwandt, aber ihr Schönheitssinn litt unter seinem Anblick, so sehr sie sich auch innerlich dieser Auffassung schämte. Er war doch immer noch ein Junge, ein Kind, mit dem sie ernste Dinge nicht besprechen konnte.

Trotz alledem pulsierte fröhliches Leben in ihr, denn frisch und gesund, wie sie war, drängte es sie zu den Genüssen der Welt. Ihre kräftige Natur sträubte sich bei dem Gedanken an ein frühzeitiges Versauern, und so machte sie alles mit, was gut erzogenen Mädchen in der Gesellschaft erlaubt ist. Sie war als Verkäuferin in den Wohltätigkeitsbazaren zu finden, lockte in Eß- und Trinkbuden die gutmütigen Spender bei ähnlichen Festen an, ließ ihre schöne Figur bei lebenden Bildern hinausstellen und nahm das meiste Geld für die Programme ein, wenn an menschheitsbeglückenden Konzertabenden die jungen Damen aus der Gesellschaft die Berufsleute ersetzten. Kornelia Roderich war überall zu finden: auf den Tierschutzfesten der Fürstin Lwoff, an den Abenden, wenn zugunsten der Suppenanstalten, der Kindervolksküchen und der Rettungswachen musiziert wurde, bei dem Mummenschanz im Künstlerhaus und nicht zuletzt an den berühmten Freitagnachmittagen im Konzertsaal des Zoologischen Gartens, wo sogar ein richtiger lebender Prinz sich nicht scheute, seine Kompositionen zum besten zu geben und sich in eigener Person von den höheren Töchtern gewöhnlichen bürgerlichen Schlages anschwärmen zu lassen.