In der ersten Zeit hatte sie sich in dieser Beziehung ganz den Anordnungen der Mutter gefügt, dann aber war sie über sie hinausgewachsen und betrachtete sie nur noch als das bekannte Schicklichkeitsanhängsel, das nun einmal da sein muß, um den gesellschaftlichen Aufzug zu vervollständigen. Der gute Ton verlangte es so, was die Frau Bankdirektor noch dahin ergänzte, daß die »jungen Herren mit reellen Absichten« es eigentlich wünschten.

Neli lachte dazu: »Die jungen Herren von heute? Du lieber Himmel, wie schlecht kennst Du die. Die möchten am liebsten mit uns Mädchen allein dahintollen und ziehen schon eine Nase, wenn die Herren Eltern im Hintergrunde drohen.«

Frau Agathe ging diese Anschauung sehr gegen den Strich, und stets bereit, gute Lehren zu geben, ohne dabei an ihre eigenen Gefühlsabweichungen zu denken, gab sie frostig zurück: »Das sind nur alles so Deine Phantasieen. Manchmal möchten es allerdings die jungen Mädchen so haben, namentlich die ganz modernen, die schon Nietzsche besser kennen als das Kochbuch. Die namentlich mit den Sezessionslinien. Soweit bist Du ja noch nicht, Gott sei Dank!«

Neli lachte abermals: »Nein, Mama. Sei nur ganz beruhigt! Dazu bin ich doch ein zu gesunder Kerl, wie Papa immer sagt. Der kennt mich eigentlich besser als Du. Verlaß Dich nur ganz auf meine Selbständigkeit!«

Allmählich gewöhnte sich Frau Roderich auch daran, und als sie sah, daß nie etwas passierte, ließ sie Neli tun, was sie wollte und bewegte sich nur noch sanft als fünftes Rad hinterdrein, sobald die Vergnügungen in später Stunde es erforderten. Sonst hatte die Aelteste völlige Freiheit der Bewegung, konnte Besuche machen, soviel sie wollte, und durfte nach Herzenslust herumflirten, was sie gern tat, um die Männer aufzuziehen. Denn ein bißchen Freude im Unglück mußte sein.

In letzter Zeit standen Mutter und Tochter noch schlechter zueinander. Neli war das Anhimmeln des Kandidaten nicht entgangen, und so zog sie sich jetzt immer mehr in ihre zwei Räume zurück, wo sie sich wie losgetrennt von den übrigen vorkam.

Kornelia hatte kaum die kleinen Einkäufe auseinandergelegt, als Rudi sich meldete. »Bist Du da, Neli?«

»Komm nur herein, was gibt's denn? Du hast mir ja lange nicht Deine Visite gemacht.«

Noch immer fertig zum Ausgehen, trat er so ins Zimmer, wie seine Mutter ihn unten verlassen hatte. Den Hut behielt er diesmal auf, weil er große Höflichkeitsbezeugung seiner Schwester gegenüber nicht für nötig hielt. »Ich sah Dich schon hinaufgehen. Du bist ja mehr geflitzt als gegangen. Es war doch niemand hinter Dir her.«

»Du weißt, ich habe es immer eilig.« Da sie aber fühlte, daß sie rot wurde, blieb sie ihm abgewandt stehen. »Willst Du mich wieder anpumpen? Dann muß ich bedauern, bin jetzt selbst klamm.«