»Ich verspreche Dir auch noch als Zinsgenuß ein Pfund feinste Sarotti-Schokolade.«
»Zieht alles nicht. Heute bin ich hartherzig.«
Er verfiel in einen tragischen Ton. »Dann, liebe Neli, muß ich zum äußersten schreiten! Das Schicksal will es so. Ich habe nichts unversucht gelassen, um Deine Milde zu erlangen. Mein Gewissen ist mein Zeuge.« Er erhob den Arm wie zur Anklage und ging mit großen Schritten vor ihr auf und ab.
Sie lachte aufs neue: »Du bereitest Dich wohl zur Bühne vor? Neuer Trick, wie? Vererbung von Mama. Vielleicht singst Du nächstens noch ... Macht aber alles keinen Eindruck auf mich.«
Er blieb vor ihr stehen. »Nun denn, Neli, dann muß ich alle Rücksicht fallen lassen,« sagte er wieder mit gut gemachter Drohung. »Ich verrate Dich samt Deinem Leutnant. Ich weiß alles!«
Natürlich wußte er nichts weiter, als was er gesehen hatte, aber er wollte durchaus an sein Ziel kommen.
»Jetzt wirst Du unverschämt.« Trotzdem sie einen leichten Schreck bekommen hatte und glühend rot geworden war, beherrschte sie sich sofort. »Weißt Du — bekümmere Dich lieber um Dich! Meine Bekanntschaften gehen Dich gar nichts an, die sind alle durchaus faire. Dein Spionieren paßt mir schon lange nicht. Ich werde es Papa sagen. Oder lieber nicht; denn das widerspricht meinem Charakter. Den Beweis dafür habe ich Dir ja schon mehrmals gegeben. Behalte die zwanzig Mark und laß mich ungeschoren. Damit Du meine schwesterliche Liebe erkennst, will ich Dir die andern heute noch zugeben. Aber denke nicht, daß es aus »muß« geschieht! Uebrigens kann ich Dir ja auch sagen, wer der Offizier war. — Aber nein, Du brauchst nicht alles zu wissen. Aber raten möchte ich Dir, sei in anderer Beziehung etwas vorsichtig. Schießen hast Du ja nicht gelernt!«
»Brrr — wie grausig!« Er schüttelte sich komisch, und ohne auf ihre Andeutungen weiter einzugehen, fuhr er fort: »Meinen Dank, stolze Neli! Ich werde mich glänzend revanchieren. Die Schokolade bekommst Du doch!« Aus Dankbarkeit wollte er ihr seine brüderliche Zärtlichkeit beweisen. Sie aber schüttelte ihn von sich ab, und so verließ er sie denn mit der Zusage, um sechs Uhr wieder anklopfen zu wollen.
Kornelia sah durch das Fenster, wie er das Haus verließ, dann ging sie durch die Ateliertür geradeswegs zu Fanny Frank. Beide Mädchen fühlten sich zueinander hingezogen durch jene Anziehungskraft, die manchmal unerklärlich erscheint und doch nur ihre natürliche Lösung in dem Wesen zweier Menschen findet. Beide ergänzten sich in ihren Eigenschaften. Was Kornelia an Klugheit und scharfem Verstande dem Fräulein voraus hatte, das ersetzte diese durch Weichheit des Gemüts, durch Milde und durch fromme Engelsgeduld. Das letztere hatte sich besonders gezeigt, als Kornelia eines Sonntagsnachmittags Fanny gebeten hatte, ihr einmal zu einer Porträtstudie zu sitzen. Sie saß drei volle Stunden mit einer Ruhe und Andacht, daß jeder nervöse Künstler seine Freude daran gehabt hätte. Sie plauderten gemütlich zusammen, Fanny erzählte von ihrer Familie, und das Hauptergebnis dieser Sitzung war, daß Kornelia das einfache »Fräulein« nicht mehr kannte, sondern jetzt regelmäßig den Namen hinzufügte, wogegen sie zu Fanny den Wunsch aussprach, das Wort »gnädig« auf sich selbst nicht mehr angewendet zu sehen.
Sie hatte eine kleine Seelenreise gemacht und soviel aus dem Gemüt der hübschen Frank geschöpft, daß sie noch lange davon zehrte. Sie fand plötzlich, daß sie von der Gesellschafterin ihrer kleinen Geschwister eigentlich nur durch eine soziale Kluft getrennt war, rein äußerlich durch teures Parfüm, durch modische Hüte, durch seidene Röcke und Blusen, durch wertvolles Geschmeide und durch die ganze Lebensweise ihrer Familie; daß sie sich aber, was Abkunft und Erziehung betraf, keineswegs höher stellen dürfe. Und das gab ihr zu denken.