Als die Frau Bankdirektor diese Anschauung hörte, setzte sie sich, unterstützt von Rudi, sofort zur Wehr, indem sie einwarf: »Kindchen, es muß gewisse Unterschiede geben. Wir würden nicht miteinander auskommen, wenn wir die nicht aufrecht erhielten. Man kann freundlich zu seinen Angestellten sein, muß aber immer die gewisse Schranke wahren.«
»Aber natürlich doch. Ein sogenanntes Fräulein ist ein bloßer Begriff, deshalb läßt man auch immer den Namen fort,« mischte sich Rudi altklug hinein, der auf Fanny schon lange ein Auge geworfen hatte und sie in Gedanken durchaus »mollig« fand.
»Ein Taugenichts ist auch ein Begriff,« gab Kornelia so eindeutig zurück, daß er hinter ihr herlärmte, als sie, des Widerspruchs müde, beide allein gelassen hatte.
Kornelia tat weder der Mutter noch dem Bruder den Gefallen, steifer gegen die Frank zu sein; im Gegenteil wurde sie dadurch in ihrem Trotz nur bestärkt.
»Sie haben ja ganz verweinte Augen, was ist denn los?« war Kornelias erste Frage, als sie am Bette Platz genommen hatte.
»Ach, es ist nichts Besonderes; ich ärgere mich, daß ich hier liegen muß,« log Fanny tapfer. »Es ist wieder so gut von Ihnen, sich nach meinem Befinden zu erkundigen.« Dabei streichelte sie Nelis Hand, die sie ihr lächelnd überlassen hatte.
»Hören Sie mal, das kann nicht stimmen. Dahinter steckt etwas anderes. Hat Mama gezankt? Sie wissen ja, sie hat ihre Launen.«
Fanny wollte nicht zum zweiten Male lügen, und so schüttelte sie nur mit dem Kopfe.
Das Toben der Kinder drang wieder herein, wodurch sich Kornelia veranlaßt fühlte, nach einem Weilchen zu sagen: »Sie müßten sich eigentlich freuen, einmal Ruhe vor den Rangen zu haben. Hans kann sehr ungezogen sein. Manchmal bewundere ich Ihre Geduld. Wissen Sie — ich könnte mich nicht immer so in die Launen der Kleinen fügen.«
»O, mir macht's Freude,« gab Fanny lebhaft zurück. »Ich kann Ihnen sagen — ich habe ihre Eigenheiten förmlich studiert. Mit einem bißchen Ruhe und Güte kann man schon etwas erreichen. Ich hatte von jeher Kinder gern. Mein Bruder Kurt neckte mich immer damit und meinte, ich hätte Lehrerin werden müssen. Aber ich war zu dumm, das Examen zu machen.«