»Ihr Bruder Kurt? Ach was!« Kornelia sagte es anscheinend harmlos, aber da sie ihre Verlegenheit empfand, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Ihre Hand brennt aber noch ordentlich, und der Kopf auch. Hat man denn den Arzt nicht geholt, nein? Das ist aber doch stark! Und er wohnt drei Häuser weiter. Ich werde ordentlich mit Mama schelten. Lassen Sie nur, das nehme ich auf meine Kappe!«

Widerspruch und Bitten Fannys halfen nichts. Kornelia eilte in die Küche und gab dem Kutscher, der dort herumlungerte, den Befehl, sofort zum Sanitätsrat Siebert zu gehen. Sie bebte noch, als sie zurückkehrte. »Nun will ich Ihnen noch eine kleine Freude bereiten,« begann sie, als sie rasch das Kühltuch naß gemacht und auf Fannys Stirn gelegt hatte, wofür sie einen warmen Händedruck empfing. »Ich soll einen Gruß bestellen von Ihrem Bruder, von dem besagten Kurt nämlich. Ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, wir kennen uns. Ich erzähle Ihnen alles, wenn Sie wieder auf sind. Und denken Sie, ich sprach ihn vorhin erst, ganz zufällig. Er war von Spandau herübergekommen, ich weiß nicht, zu welchem Zweck. Ich fragte auch gar nicht danach, ich freute mich zu sehr. Er begleitete mich ein Stückchen. Wir haben nämlich unser kleines Geheimnis. Sie dürfen kein Wort darüber sagen, hören Sie?«

»Aber wo werde ich denn! Ich freue mich ja diebisch. Er ist ein so guter Junge. Glauben Sie — das macht mich ganz gesund. Ich will auch sogleich auf.« Sie richtete sich auch wirklich empor, mit einem so glücklichen Gesicht, daß es wie Sonnenschein aus ihren Augen sprach.

Neli jedoch duckte sie sanft nieder. »Still, Kleine, Sie bleiben ganz ruhig liegen, sonst schick' ich die Mama!«

Es war in der Art einer fürchterlichen Drohung gesprochen, so daß Fanny ihr abwehrend die Hände entgegenstreckte. »Nein, kommen Sie lieber wieder, Sie sind ein Engel!«

Neli lachte. »Aber ein ganz derber.« Dann wurde sie ernst. »Sehen Sie, nun haben Sie sich verraten, es ist doch etwas vorgefallen. Bei uns fällt ja immer etwas vor. Wo so verschieden getafelt wird, gibt's auch verschiedene Launen. Manchmal das reine Irrenhaus! Bleiben wir beide wenigstens vernünftig! Nun werde ich weiter für Sie sorgen.«

Ohne auf die Gegenrede zu achten, eilte sie hinaus.

VI.

Pünktlich um zwei Uhr nahm man bei Roderichs im großen Balkonzimmer das Mittagessen ein, an dem die ganze Familie teilnahm, mit Ausnahme des Bankdirektors und Fräuleins und der beiden Jüngsten, für die im Kinderzimmer besonders gedeckt wurde. Auch der Kandidat war ständiger Teilnehmer, trotzdem er hier nicht wohnte, vielmehr den täglichen Unterricht um diese Zeit schon beendet hatte. Er war in sehr gedrückter Lage ins Haus gekommen, und so hatte er diese Vergünstigung, die ihm übrigens nicht angerechnet wurde, mit Freude angenommen. Und es war wohl nur ein Zeichen der Dankbarkeit, wenn er sich noch über die Zeit hinaus mit seinem Schüler beschäftigte und dann später sein musikalisches Talent zum besten gab.

Heute war die Unterhaltung sehr frostig, denn jeder war auf seinen eigenen Ton gestimmt. Zwischen Mutter und Tochter hatte es vorher einen kleinen Krach gegeben, in dem die Grundverschiedenheit ihrer Naturen stark hervorgekehrt worden war. Frau Roderich hatte sich Korneliens Einmischung in das häusliche Regiment verbeten, was sie um so unfreundlicher tat, als der Hausarzt wirklich einen Influenza-Anfall bei Fräulein feststellte und sofort die nötigen Verordnungen erließ. Trotzdem nichts zu befürchten war, schüttelte sich Frau Agathe vor Angst, denn schon das bloße Wort »Influenza« erweckte stilles Grauen in ihr. Natürlich war sie der Meinung, daß Fräulein ihren Zustand unbedingt hätte wissen müssen und daß sie allein schuld an der anfänglichen Vernachlässigung sei. Sie malte sich bereits mit Schrecken eine Ansteckung des ganzen Hauses aus und erwog eine völlige Absperrung, nachdem man sofort die Umbettung der Kinder beschlossen hatte. Sogar das Krankenhaus tauchte dafür als winkender Schatten im Hintergrunde auf. Sie redete soviel darüber, daß selbst Rudi diesmal ihre Fahne verließ und ihre Furcht »etwas komisch« fand.