»Das kann ich Dir sagen,« fuhr sie Kornelia unsanft an, »geh' Du hinein, soviel Du willst, die Hand gebe ich Dir nicht, so lange ich nicht sehe, daß Du gesund bleibst.«

Zuletzt wagte auch Fröhlich einen sanften Einspruch. »Gnädige Frau brauchen sich aber wirklich nicht zu ängstigen. Der Herr Sanitätsrat sagte mir ausdrücklich, daß morgen eventuell schon alles vorüber sein könne.«

Sie säuselte streng: »So! Also Sie haben ihn auch noch gesprochen, Herr Kandidat? Ihre Anteilnahme für Fräulein ist ja rührend.«

»Gnädige Frau werden verzeihen, aber das ist doch rein menschlich,« wandte er etwas schüchtern ein. Er hätte ungern diese Stellung aufgegeben, und so hatte er nach dem kleinen Auftritt am Vormittag sich im stillen gelobt, alles zu vermeiden, was zu einem Zerwürfnis führen könne.

»Das ist es allerdings,« kam es gedehnt über ihre Lippen. Das weitere erstickte sie in einem Räuspern, aber ihr Unbehagen verriet sich deutlich aus ihrer sauren Miene. Ueberdies hatte sie seine Förmlichkeit noch mehr verschnupft, und so trug sie sich mit dem Gedanken, den Nachtischgenuß für heute ganz aufzugeben. Strafe mußte eben sein!

Am meisten aber war ihr Aerger darüber rege geworden, daß Kornelia sich hinter Walter gesteckt hatte und mit ihrer ungeschminkten Meinung über die schändliche Verdächtigung Fannys hervorgerückt war. Sie werde es Papa sagen, der einmal gehörig herumleuchten solle, namentlich bei dem lieben Brüderlein.

Zum Glück für sie konnte sie das hinter Rudis Rücken sagen, denn seit dem Geldhandel heute vormittag fürchtete sie die Doppelzüngigkeit des Frühreifen. Frau Roderich wurde auffallend still, da sie befürchtete, das »Herumleuchten« könne sich auch auf sie ausdehnen. Es gab Tage, wo ihr sonst gutmütiger Mann eine schlechte Laune mit nach Hause brachte und dann Dinge auskramte, an die kein Mensch mehr dachte.

So verschluckte sie denn bei Tisch ihren Groll stumm mit dem Essen und sprach nur gerade soviel, als nötig war, um den täglichen Gast nicht zu verletzen. Lautes Leben brachten nur die Kleinen hervor, die heute ausnahmsweise an der Tafel sitzen durften, rechts und links von Kornelia, die es sich nicht nehmen ließ, sie eigenhändig zu bedienen. Diese Arbeit machte ihr plötzlich Freude, denn Fanny hatte sich schon bei dem Gedanken geängstigt, wer sich nun bei den Mahlzeiten mit Hans und Trudchen beschäftigen würde. Es ging ganz gut: sie band ihnen die Serviette vor, teilte ihnen die Suppe zu, gab ihnen ein wenig von dem Fisch und zerschnitt ihnen auch den Braten mundgerecht. Als sie schließlich der Jüngsten auch das Näschen putzte, konnte Rudi nicht mehr länger schweigen.

»Na,« begann er kühn, »alles was recht ist, Neli, — Fräulein kann sich bei Dir bedanken. Eine bessere Vertretung gibt's ja gar nicht. Mama kann ganz beruhigt sein. Ersatz hätte sie auf Wochen. Als wenn Du zum Familiensklaven geboren wärest.«

Zum ersten Male war dieses Wort gefallen, das seinem augenblicklichen Einfall entsprang, und fast kindisch erfreut darüber gab er dem Mädchen, das gerade mit einer garnierten Zwischenspeise hereingetreten war, einen ablehnenden Wink und wandte sich schnodderig an die Hausherrin: »Familiensklaven ist gut, was Mamachen? Erschöpft so recht alles. Ganz neue Wortbildung von mir.«