»Ach, Dummheit, behalte so was für Dich!« fiel Frau Roderich ihm ins Wort und deutete ihm stumm an, daß sie eine derartige Bemerkung nicht verstände. Unwillkürlich hatte sie auf Fröhlich geblickt, der Rudi gegenüber saß an der anderen Schmalseite der Tafel.

Beide hatten sich bis jetzt nur mit dem Essen beschäftigt und sich mit den Blicken wie zwei Menschen gemieden, deren Beisammensein nur dem Zwange unterliegt. Da einer dem andern seine Meinung gesagt hatte, so betrachteten sie die Beleidigungen als ausgeglichen, trotzdem der Kandidat eigentlich der Ansicht war, der andere habe eine gute Hälfte zuviel eingesteckt, was mit dem »dummen Jungen« von Fräulein gut anderthalb gäbe. Nun konnte er ja hübsch den Abwartenden spielen und sich inzwischen auf den nötigen Formenverkehr beschränken.

»Ich möchte auch darum gebeten haben,« ergänzte Kornelia den Hinweis. »Man muß das wirklich Deiner Jugend zugute halten.«

»Stolze Schwester, damit kannst Du mich nicht ärgern. Es gibt Mädchen, die neidisch auf diesen Vorzug sind, ich meine nur so im allgemeinen.« Sein spöttischer Ausdruck, der von einer großen Handbewegung begleitet war, sollte aber das Gegenteil bedeuten.

Neli blieb ruhig. »Du kannst mich durchaus nicht kränken,« hielt sie ihm entgegen. »Schon aus dem Grunde nicht, weil der Herr Kandidat mein Alter genau kennt.«

Fröhlich, der mit einem gewissen rührenden Anstand Messer und Gabel handhabte, mit beinahe automatischer Bewegung der Ellbogen, drückte die Nase tiefer auf den Teller, was sich wie eine rasche Verbeugung ausnehmen sollte, und warf bedauernd-höflich ein: »Aber, mein gnädiges Fräulein —«

»Ich werde dreiundzwanzig Jahre,« fuhr Kornelia unbeirrt fort, »und ich möchte wünschen, daß Du in diesem Alter ebenso vernünftig würdest, wie ich es heute bin.«

»Darin muß ich Neli schon recht geben,« mischte sich Frau Roderich beschwichtigend ein.

Rudi glaubte über Fröhlichs Gesicht ein leises Lächeln der Anerkennung huschen zu sehen, und so platzten ihm die Worte heraus: »Wenn's bei den Mädchen zweimal genullt hat, sollen die Jahre ja doppelt zählen.«

»Rudi, ich bitte Dich —!« Strafend traf ihn der Blick der Mutter, die, wie immer, alles bereits kommen sah.