Roderich junior aber lachte, denn derartige Schraubereien erweckten stets sein Behagen.

»Aber laß ihn doch, Mama,« sagte Kornelia wieder. »Ich fühle mich nicht beleidigt. Und weil's etwa unser Hauslehrer hört? Der Herr Kandidat wird derartige Bemerkungen richtig zu würdigen wissen.«

Trotzdem Fröhlich die Empfindung hatte, zwischen zwei Feuern zu sitzen, vermochte er auch diesmal nicht, ein kurzes Nicken zu unterdrücken, wobei er in Verlegenheit immer noch an einem winzigen Stückchen Braten herumschnitt, das dieser Bearbeitung kaum noch wert war. Er empfand innere Freude über diese mutige Abwehr der Tischnachbarin und bedauerte nur lebhaft, daß Fräulein das nicht hören konnte, um eine kleine Genugtuung zu erleben. Sicher aber würde er die erste Gelegenheit benutzen, ihr eingehend diese interessante Tischunterhaltung zu übermitteln.

»Die meinigen jedenfalls auch, bei welcher Gelegenheit sie auch fallen mögen,« stieß Rudi blasiert hervor und kniff nun wieder das Monocle ein, das er beim Essen vorsichtig in der Westentasche trug, nachdem es ihm einmal in die Suppe gefallen war. Gesättigt blähte er sich in der Manier eines Menschen, der stark zu essen pflegt und plötzlich genug im Leibe hat. Vor Tisch hatte er die modefarbene Weste mit einer bordeauxroten vertauscht, in deren Armöffnungen er nun die Daumen der Hände steckte und die Finger vergnügt auf dem Brustkasten spielen ließ. Und so kam er sich wie ein junger Gott vor, der durch verhaltenes Gähnen die Langeweile auf seinem Thron andeutet. Trotzdem spitzte er die Ohren, als sein Blick zur Decke ging, denn er erwartete endlich ein Herausgehen Fröhlichs aus seiner Verschlossenheit.

Der Kandidat jedoch, der die Absicht des andern wohl merkte, tat ihm nicht den Gefallen, sondern naschte eifrig von der warmen Kuchenspeise, die er sich als letzter auf den Teller gelegt hatte. Dabei sprach er leise und eindringlich mit seinem Schüler, der ihm zur Linken saß und wiederholt schon die Neigung gezeigt hatte, sich in das Gespräch zu mischen. Ersichtlich wollte er ihn davon abhalten, worauf sein andauerndes Kopfschütteln und die Sprache seiner Augen hinwies.

Auch Frau Roderich hatte bereits das silberne Löffelchen hingelegt und zupfte nur noch an einigen getrockneten Weintrauben, mehr aus Gewohnheit als aus Appetit. Sie war mit dem Essen rasch fertig, weil sie von allem sehr wenig nahm, um nicht zu fett zu werden, wie sie sagte. Beim Nachmittagskaffee, der spießbürgerlich erst um vier Uhr eingenommen wurde, holte sie dann das Versäumte nach und vertilgte eine Unmenge Kuchen, wobei die Schlagsahne nicht fehlen durfte. Für feine Konditorware schwärmte sie ganz besonders.

Es war warm im Zimmer, denn die Maisonne hatte mit ihren kräftigen Strahlen den Weg hineingefunden, weil man versäumt hatte, die Markise über dem freiliegenden Balkon frühzeitig anzubringen. Die Glastür stand noch immer offen, und so hatten die Luftwellen freie Bewegung, die den starken Geruch der Nelken mit hereinbrachten, die in Töpfen nun draußen auf der Brüstung prangten. Auf der Tafel stand der erste Flieder, und sein frischer Duft übertäubte zeitweilig den Bratengeruch, der noch über den Tellern lag und erst langsam verdunstete. Wenn das Hausmädchen die Tür öffnete, dann durchwehte der Luftzug vom hinteren Korridor den großen Raum, trieb den Geruch der Speisereste hinaus und ließ den Duft des Flieders besonders stark erstehen.

Hin und wieder zog Frau Roderich die Majolikavase an sich und roch an dem riesigen Strauß, jedoch nur oberflächlich, ohne Berührung. Aber das starke Parfüm, das heute ihrer Seidenbluse entströmte, verdrängte den natürlichen Duft des Flieders, der wie vor etwas Unangenehmem floh. Namentlich die feine Nase des Kandidaten hatte unter diesen Anspritzungen sehr zu leiden, besonders dann, wenn der Fettgeruch der Schminke sich ihm bedenklich näherte. Ueberhaupt waren die Launen der Gnädigen in dieser Beziehung unberechenbar; dann hatte Fröhlich die Empfindung, ein Parfümerieladen habe sich aufgetan und sende seine unzähligen künstlichen Gerüche ihm entgegen.

Man trank bei Tisch nur wenig. Frau Agathe genoß schluckweise ihren Sauerbrunnen, Rudi bekam seine Flasche Bier, der Kandidat jedoch begnügte sich mit frischem Wasser. Anfangs hatte man ihm Wein vorgesetzt, den er aber verschmähte; denn, ein Feind aller alkoholischen Genüsse, behauptete er, geistige Getränke nicht vertragen zu können. Nur des Sonntags, wo er auch geladen wurde, nippte er von der dünnen Bowle, die man zusammenbraute, um wenigstens den Unterschied der Tage zu kennzeichnen.

»Wer wird denn nun heute mit den Kindern in den Zo gehen?« fragte Rudi, immer von dem bestimmten Gedanken geleitet, Fröhlich zu einer Unvorsichtigkeit zu bewegen. Durch die offene Tür sah man von drüben die Bäume des Zoologischen Gartens winken, und so war er auf diese Frage gekommen. Die Kleinen schrieen sofort durcheinander und deuteten, die Löffelchen noch in der Hand, auf den Kandidaten. »Onkel Fröhlich soll mit uns gehen, er setzt sich Fräuleins Hut auf,« sagte Hans und strampelte mit den Beinen vergnügt unter dem Tisch.