»Dann kommt Rudi zu ihm,« plapperte Trudchen und schlug mit dem Löffel vor Freude laut auf den leeren Teller.

Kornelia gab jedem einen Klaps auf den Mund, und auch die Mutter forderte sie zum Ruhigsein auf. Roderich junior aber vergnügte sich darüber im stillen, verstohlen den Blick auf Fröhlich gerichtet. Dieser jedoch zeigte sich keineswegs beschämt, er lachte vielmehr und meinte dann mit Humor, daß er den Versuch ja einmal machen könne; er habe sich vormittags ganz gut in dieser Rolle geübt. Es sollte ein kleiner Stich gegen die Gebieterin sein, aber Frau Roderich empfand das nicht, sondern lachte laut mit. Ihr Groll war schon halb verpufft, und so sagte sie beinahe herzlich: »Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr Kandidat, daß Sie sich heute so aufgeopfert haben, aber ich wußte im Augenblick keinen anderen Rat; morgen kann sich das Stubenmädchen mit den Kindern beschäftigen.«

»Seid nur still!« rief Kornelia den Kindern aufs neue zu. »Emma kann Euch heute in den Zoologischen bringen, und dann komme ich später nach. Euer lieber Rudi soll doch sehen, daß ich auch mit Euch umzugehen verstehe. Mich wird er ja nicht belästigen. Ich bin eben keine Familiensklavin ... Sage mal, hast Du denn wirklich Fräulein damit gemeint?«

Rudi nickte gleichmütig. »Alles, was so in besserer Stellung ist.«

»Schäme Dich!«

Der Kandidat erhob sich mit einem Ruck, so daß die Frauen erschreckt aufblickten. Kerzengerade stand er da. »Verzeihung für die voreilige Störung, gnädige Frau,« sagte er mit bebenden Lippen. »Ich bitte um die Vergünstigung, mich etwas früher mit meinem Schüler zurückziehen zu dürfen. Ich möchte den Aufsatz noch durchsehen.«

Frau Roderich verstand ihn und hob sogleich die Tafel auf. Wie immer, verneigte er sich höflich vor den Damen, machte auch einen Kopfnicker zu dem jungen Herrn hinüber und ging dann hinaus, untergefaßt von seinem Schüler, der sich liebevoll an ihn geklammert hatte.

»Nun bist Du wirklich einmal beschämt,« sagte Kornelia zu ihrem Bruder, der diese Wendung nicht erwartet hatte. »Vornehmer kann man gar nicht abgeführt werden.«

Rudis Verblüffung wich. Breit lachte er auf. »Was sollte er auch erwidern?« gab er spöttisch zurück. »Er hat doch nur bewiesen, daß ich recht habe. Sklaven ducken sich, weil sie stets die Herrschaft fühlen.«

Kornelia maß ihn mit einem Blick des Mitleids. »Du möchtest am liebsten die Peitsche noch schwingen.«