»Ach, wenn Sie wüßten, was man da alles kennt,« seufzte er. »Armeleutnants-Diners zu zwei Gängen, Verstorbenevaterfreuden an den Hinterbliebenen und andauernde Sehnsucht nach dem Kommißgeld mit blauer Blume daran. Und manches andere noch.«
»Sie sind wenigstens aufrichtig. Das gefällt mir ganz besonders von Ihnen.«
»Ja, spotten Sie nur, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Sie kennen dieses große Kapitel im bunten Drilleben nicht. Sie sind ein verwöhnter Schmetterling, der immer aus goldenen Schüsseln nascht und der sich seine Blume suchen kann. Von dem schönen Wort ›arme Familie‹ haben Sie noch nichts gehört.«
»Ach du lieber Himmel,« kam es Kornelia unwillkürlich über die Lippen. »Wissen Sie, es kommt immer darauf an, wie man alles betont ... Ich bitte Sie, werden wir nicht so laut, man könnte uns hören!«
»Ach, das sind Zeitungstiger, die nichts sehen.«
Der Schläfer am Ofen hatte sich geregt, und so war Kornelia ängstlich darauf aufmerksam geworden. Zugleich schien es ihr aber auch, als wenn der muntere Zeitungsleser am Fenster die Ohren spitzte. Sie konnte ihn zwar nicht sehen, denn er hielt andauernd eine große eingespannte Zeitung vor seinem Gesicht, aber seine völlige Bewegungslosigkeit gab ihr zu denken. Das bedienende Mädchen kam und brachte das bestellte Vanillen-Eis, das Kornelia langsam zu schlucken begann.
Fröhlich kam sich wie ein Gefangener vor, dem die Aussicht durch ein großes Stück Papier verdeckt ist, das er zur Strafe fortwährend anstarren muß, ohne zu erfahren, was darauf steht. Wiederholt hatte er den Versuch gemacht, ruhig weiter zu lesen, aber er kam über den ersten Ansatz dazu nicht hinaus. Sofort hatte er den Vorgang erfaßt, und als er die Anrede ›Leutnant‹ und den Namen ›Fanny‹ hörte, wußte er, daß er das Original der Photographie vor sich hatte, die auf dem Tische in Fräuleins Zimmer stand. Also war es der Bruder der Angebeteten, der sich mit der vielumworbenen Tochter des Bankdirektors hier ein Stelldichein gegeben hatte. Was für eine Verwirrung im Hause Roderich, deren Folgen ihm unabsehbar erschienen!
Er hatte sich bereits auf alles gefaßt gemacht: daß Frau Agathe das Singen lassen könnte, daß sie eines Tages mit ihrem Herrn Gemahl wieder gemeinsam das Mittagessen einnehmen würde, daß Rudi seinen Eltern erklären könnte, er möchte zwölf Stunden täglich arbeiten; aber auf eine derartige Ueberraschung war er niemals vorbereitet gewesen.
Bisher hatte er sich immer geschmeichelt, alles im Hause Roderich kommen zu sehen, diese Neuigkeit jedoch war urplötzlich an ihn herangetreten, und unvorbereitet, wie er war, sah er sich in einer unbehaglichen Klemme, gegen die er machtlos war. Er hatte zwar seinen Blick bannen, sich aber nicht die Ohren zuhalten können, was er aus Feinfühligkeit am liebsten getan hätte, und so hatte er jedes Wort der beiden vernommen. Um alles in der Welt hätte er sich ihnen nicht gezeigt; denn dann wären sie um ihr stilles Glück gekommen, und man hätte in ihm den Mitwisser ihres Geheimnisses gesehen und ihn jedenfalls als Störenfried betrachtet, dem man kein angenehmes Gesicht zeigen würde. Er kannte das Leben nach dieser Richtung hin und wußte, daß große Herrschaften immer einen Grund hatten, die Unschuldigen für ihr eigenes Pech verantwortlich zu machen. Er hätte auch gar nicht gewußt, wie er sich bei diesem unangenehmen Zufall verhalten sollte.
War es überhaupt ein Zufall, daß ihm die Aussicht winkte, den Bruder des armen Fräuleins, des von ihm geliebten Mädchens, später einmal im Hause desselben Mannes zu sehen, in dem die sogenannte Familiensklavin ihren Dienst tat, oder dann vielleicht schon getan hatte? Der Kandidat war geneigt, diese Frage zu verneinen und wieder an jene höhere Bestimmung zu glauben, der er sich als Schicksalsanbeter so gerne beugte. Sicher waren geheime Mächte mit im Spiele, die ihre Fäden bis hierher gesponnen hatten, um die Menschen zusammen zu bringen, die denselben Kampf um ihr Glück zu führen hatten.