»Also ein anständiger Kerl?«

Kornelia nickte. »Von feiner Gesinnung sogar.«

»Und so etwas erfährt man erst aus Ihrem holden Munde,« sagte Frank wieder ganz überrascht. »Da muß ich die Kleine doch nächstens ins Verhör nehmen. Sie muß beichten, wenn ihr verziehen werden soll. Trotzdem ein Schulmeister nicht nach meinem Geschmack wäre. So ein Kandidat wird ja alt wie Methusalem, ehe er seinen Oberlehrer weg hat.«

In diesem Augenblick neigte sich das große Papiersegel ganz bedenklich, so daß man die Haare dahinter erblicken konnte. Die spitzen Knie gerieten in Bewegung, und ein unbewußtes Räuspern wurde hörbar. Dann streckte sich eine schmale und weiße Hand auf Umwegen nach der Kaffeetasse aus, suchend und tastend, mit der Gewohnheit eines tiefversunkenen Zeitungslesers. Fröhlich konnte die starre Haltung nicht mehr vertragen und wollte Leben in seine Ecke bringen. Es war zwar in der Tasse nichts mehr drin, aber er zog sie doch an seine Lippen und netzte sie mit den letzten Tropfen des Bodensatzes. Das gab ihm Befriedigung in seiner Pein und unterdrückte den leichten Groll, der nach den letzten Worten in ihm aufgestiegen war.

»Eine sehr nette Perspektive, die er mir malt,« war sein Gedanke, während er einen leichten Seufzer unterdrückte. Etwas Wahres lag darin, das mußte er sich sagen, wenn ihm auch der Vergleich mit Methusalems Alter etwas vorwitzig erschien. Mit Schrecken dachte er daran, diese Abneigung Franks gegen die Schulmeister könne sich auch auf die Schwester übertragen. Dann aber geriet er in eine gewisse wohlige Stimmung, denn Fräulein Roderichs Enthüllung hatte so bestimmt geklungen, als wäre es für sie eine ausgemachte Sache, daß er und Fanny bereits einig seien. Er lächelte still, nickte freudig vor sich hin und wippte dabei mit der Zeitung hin und her. Beinahe hätte er das Segel ganz eingezogen, sofort aber ertappte er sich bei dieser Voreiligkeit und spielte wieder den aufmerksamen, in der Lektüre versunkenen Leser.

»Ich möchte nur wissen, wer dahinter steckt,« sagte Kornelia, ohne sich großen Zwang anzutun.

Fröhlich duckte sich noch mehr. »Du lieber Himmel, wenn sie nur nicht herkommt,« dachte er wieder und breitete nun beide Hälften der Zeitung so aus, daß auch die Durchsicht nach rechts versperrt war.

Zum Glück nahm ihm Frank jede Besorgnis, indem er seine Gesellschafterin auf andere Gedanken brachte. »Soll uns gar nicht genieren, mein gnädiges Fräulein. Uns kennt hier niemand.«

»Wenn Du wüßtest!« war Fröhlichs Gedanke aufs neue. Nun aber beruhigt, nahm er sich vor, tapfer auszuharren, wobei er sich allerdings den Kopf darüber zerbrach, wodurch man im Hause Roderich so rasch auf den Gedanken an seine Neigung zu seiner Leidensgefährtin gekommen sein könne.

Es war sehr einfach. Rudi hatte an jenem Nachmittage aus Neugierde die beiden im Auge behalten und nach seiner Weise Frau Agathe davon Mitteilung gemacht, der es nun erst recht klar wurde, daß zwischen Kandidat und Fräulein seit längerer Zeit zärtliche Bande bestehen mußten. Und sofort hatte sie für die Ruchbarkeit dieser »schändlichen Verschwörung«, wie sie es nannte, gesorgt.