Merkwürdigerweise war er durchaus nicht erschreckt, denn er hatte das alles kommen sehen, nicht nur nach dem Gesetze der höheren Bestimmung, sondern auch nach dem Gesetze der sogenannten Uebertragung, das zwei schlimme Ereignisse stets zugleich eintreten läßt. Er war erkannt, das dünkte ihm sicher; er hatte es gewagt, sein Auge zu der Schwester eines Offiziers zu erheben, und nun kam der Bruder, um Rechenschaft zu fordern, weshalb er das unschuldige Mädchen in das Gerede des Hauses Roderich gebracht. Aber er wollte seinen Mann stehen, wollte seine ganze Philologenweisheit, seine Geisteskraft aufbieten, um das Recht des anständigen Mannes mit reellen Absichten, wenn auch noch ohne Aussichten, zu verteidigen.

Der stolze Marsjünger sollte den Schulmeister kennen lernen, über den er sich schon in der Konditorei mit einer gewissen Geringschätzung geäußert hatte. Der Schulmeister hatte bei Königgrätz gesiegt, er würde auch sicher durch einen Leutnant sich nicht in die Flucht schlagen lassen!

Während Fröhlich das alles mit Blitzesschnelle erwog, wippte er leicht auf den Sohlen hin und her und rief dann laut: »Herein!« den Blick mutig geradeaus gerichtet. Und die großen Worte schwebten ihm vor: »Ich weiß schon, weshalb Sie kommen, Herr Leutnant. Ich bin bereit, Ihnen Rede zu stehen.« Aber seine Kampfeslust schrumpfte sofort zusammen, als Kurt Frank, kaum eingetreten, zwar zuerst eine gemessene Verbeugung machte, dann aber sich gleich mit liebenswürdigen Worten einführte, mit demselben Schalk im Nacken, den er in dem Geplauder mit Kornelia gezeigt hatte.

»Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, wenn ich während der Kirchenzeit bei Ihnen hier hereinplatze, aber es ist wirklich gern geschehen. Ich betrachte mich nämlich schon als guten Bekannten von Ihnen.«

»O, Sie stören durchaus nicht, Herr Leutnant. Ich bin Philologe, nicht Theologe, cand. phil., wenn ich bitten darf. Nur mein Vater war Pastor.«

Eigentlich wollte er hinzufügen: »Daß ich als Schulmeister in die Zukunft blicke, das haben Sie ja selbst vor einer Stunde in wenig liebenswürdiger Weise geäußert,« aber er hütete sich, vorlaut zu sein, um sich nicht als Mitwisser heimlicher Dinge zu verraten.

Er beeilte sich, dem Besucher den einzigen verfügbaren Rohrstuhl als Sitz anzubieten, nachdem er ihn mit einem großen Schwung vom Schreibtisch her mitten ins Zimmer gestellt hatte, und bat um Entschuldigung für die Unordnung, die hier augenblicklich herrsche. Das ganze ausgediente Ledersofa war mit Büchern bepackt, und so konnte er die Botschaft nur im Stehen anhören. Als dann aber Frank nicht eher Neigung zeigte, Platz zu nehmen, bevor der andere dasselbe tun würde, kippte Fröhlich entschlossen den Bretterstuhl am Fenster um, so daß die Zeitungen und Hefte wild auf die Diele fielen.

»Es ist etwas eng hier, Herr Leutnant,« sagte er abermals zur Entschuldigung. »Wenn zwei Betten in einem Zimmer stehen, bleibt nicht viel Platz zum Exerzieren übrig.« Es reizte ihn ein wenig, den militärischen Ton anzuschlagen.

»Waren Sie Soldat, Herr Kandidat?« fragte Frank, weil das »Exerzieren« ihn leicht geärgert hatte.

»Leider nicht, Herr Leutnant, man hat mich merkwürdigerweise wegen allgemeiner Körperschwäche zurückgesetzt.«