»Das sieht man,« hatte Frank schon auf den Lippen, verkniff sich aber aus Zartgefühl diese Bemerkung. So sagte er dann höflich: »O, das tut mir leid. Sie hätten jedenfalls einen prächtigen Soldaten abgegeben.«

Fröhlich faßte das durchaus ernst auf und machte einen Kopfnicker als Beweis seiner Anerkennung. Während sich beide gegenübersaßen und eine Weile gleichgültige Worte wechselten, musterten sie sich rasch. Entschieden waren sie große Gegensätze, und nicht bloß in ihrem Aeußern. Der Kandidat war zugeknöpft, der Leutnant offen und burschikos, mit der nötigen standesgemäßen Zurückhaltung. Kernige Gesundheit sprach aus ihm, die Frische der regelmäßigen Bewegung im Freien. Trotzdem er über die Mittelgröße hinausragte und durchaus schlank war, spannte sich seine kräftige Muskulatur förmlich unter dem grauen Sommeranzug, der allerdings nicht mehr ganz modern war und schon stark nach dem Zivilbummel des vergangenen Jahres aussah.

Durchaus schneidig in seinem Auftreten, hatte Leutnant Frank doch nichts von jener sogenannten Korrektheit in seinem Wesen, die meistens nur Unnatur ist. Steife Ziererei war ihm ein Greuel, selbst wenn er in Uniform war, und da er sich am liebsten ganz ungezwungen gab, so entpuppte er sich stets gleich als angenehmer Gesellschafter, der nichts mit jenen Offizieren gemein hatte, die sogar die Umgangsformen nach Schema F regeln. Seine Aehnlichkeit mit Fanny war unverkennbar. Nur sein üppiges, in der Mitte gescheiteltes Haar, das kraus in der Stirn lag, war dunkler und glänzender.

Dem Kandidaten haftete die Stubenluft an. Er sah fast milchern gegen den andern aus, weich und mädchenhaft; der zarte braune Christusbart gab ihm etwas Keusches und Frommes, etwas Verzichtleistendes und Abwartendes, wie es sich oft bei Naturen zeigt, die die Demütigungen des Daseins frühzeitig kennen gelernt haben. Er gehörte zu den Leuten, die sich scheuen, das erste Wort zu sprechen und ein reiches inneres Leben führen. Aber von seinen großen rehfarbenen Augen ging ein sanfter Zauber aus, der auf die Dauer den Blick fesselte.

Auch Frank empfand das, je länger er ihn betrachtete, und so gestand er sich in Gedanken, eigentlich einen ganz »passablen Kerl« vor sich zu haben, wenn auch aus etwas weichem Holze, wie ihm schien, aber doch rein und ohne Flecken, gut gehobelt, dabei recht biegsam, ohne zu tiefe Neigung nach dem untertänigen Winkel. Selbstbewußtsein gepaart mit Würde sprach aus ihm, jedenfalls keinem kleinlichen Stolze entsprungen.

»Meine Schwester hat mir bereits viel Nettes von Ihnen berichtet,« führte Frank das Gespräch fort. »Sie gelten etwas im Hause Roderich.«

Fröhlich wehrte mit Bescheidenheit ab, dabei erwog er sofort, was nun kommen würde. Diese Einleitung machte sich ganz gut, und so gab er sich innerlich einen Ruck zur Selbstbeherrschung und richtete zugleich den Oberkörper straff in die Höhe. Dabei klopfte ihm das Herz stark, denn er ahnte etwas ganz Ueberraschendes, das mit einer Selbstverleugnung der Angebeteten zusammenhängen könnte. Die Hoffnung aller Liebenden beseelte ihn, die an ein plötzliches Wunder glauben; aber diesmal betrog ihn seine Ahnung.

Kurt Frank offenbarte ihm kurz und bündig, weshalb er gekommen sei. Fräulein Kornelia Roderich habe Fröhlich beim Verlassen der Konditorei erblickt und schwebe in Angst, daß er sie ebenfalls gesehen haben könne. »Es würde mir meine Aufgabe sehr erleichtern, Herr Kandidat, wenn Sie darüber ganz offen zu mir wären,« fuhr er fort. »Ich brauche wohl nur anzudeuten, wie peinlich es für das gnädige Fräulein und für mich wäre, wenn unser kleines Geheimnis zuvörderst nicht unter uns bliebe. Wir sind zwei Männer von anständiger Denkungsart und da bedarf es wohl nicht erst großer Aufklärungen von meiner Seite.«

Fröhlich erlebte zwar eine kleine Enttäuschung, aber sie wurde doch gleich wieder aufgewogen durch dieses Vertrauen, das ihm wie eine Auszeichnung erschien, die ihm die Achtung des andern sicherte. Es dauerte nicht lange, und beide hatten sich darüber ausgesprochen. Zartfühlend verschwieg zwar Fröhlich, daß er vieles gehört habe, um Frank nicht in Verlegenheit zu bringen, aber dieser merkte ihm doch an, daß er nur die Absicht habe, auszuweichen. Er drang auch nicht weiter in ihn, sondern freute sich schon, so klug gewesen zu sein, gleich diesen Weg hierher gewagt zu haben.

»Das gnädige Fräulein und Sie können ganz beruhigt sein,« sagte Fröhlich, nachdem sich Frank bereits erhoben hatte. »Ich habe weder etwas gesehen, noch gehört. — Sie werden mich schon verstehen, Herr Leutnant. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich die große Ehre zu schätzen weiß. Ich freue mich aufrichtig, den Herrn Bruder des von mir so überaus geschätzten Fräuleins im Hause Roderich, kennen gelernt zu haben.«