Die Tür zu Fräuleins Zimmer stand offen, und da niemand zu sehen war, wagte er es, einen Blick hineinzuwerfen. Das Weinen kam von Fanny, die vor dem Kommodenspiegel am Fenster stand und sich mit dem Taschentuch die Augen trocknete. Alles war schon sauber im Zimmer, auch die Bettchen der Kinder waren gemacht, die nun wieder hier schliefen, augenblicklich aber bei ihrer Mama vorne waren.

Fröhlich war so betroffen, daß er den Mut fand, leise hineinzusprechen. »Was ist Ihnen denn, Fräulein? Ist etwas Schlimmes passiert?«

Sie kam näher. »Guten Morgen, Herr Kandidat. Sprechen Sie nur nicht darüber. Es ist ja weiter nichts. Es hört uns doch niemand?«

Und als er verneinte, vertraute sie ihm rasch ihre kleinen Schmerzen an. Sie hatte etwas Schnupfen, und sofort war von Frau Roderich darin wieder eine Ansteckungsgefahr gesehen worden. »Wissen Sie, was sie gesagt hat? Ich hätte die Kleinen nicht ankleiden dürfen. Jetzt ist sie gerade dabei, ihnen die Haare zu machen. Es ist alles nur Einbildung von ihr. Seit einigen Tagen chikaniert sie mich. Ich werde aber nun alles meinem Bruder schreiben, denn Mama glaubt es mir doch nicht.«

Fröhlich beruhigte sie lächelnd, denn er fand die ganze Sache etwas komisch. »Ach, tun Sie das nur nicht,« fügte er hinzu, als er sofort an das gestrige Erlebnis dachte. »Sie müssen so etwas nicht zu tragisch nehmen und alles mit der Nervosität der Frau Bankdirektor entschuldigen. Nach einer halben Stunde ist sie wieder anderer Meinung. Also Köpfchen in die Höhe!«

Noch mit gerötetem Gesicht zeigte sie ihr erstes Lächeln. »Ihr Trost soll mich auch diesmal stärken,« sagte sie dann. »Jedenfalls danke ich Ihnen. Nun aber rasch fort, sonst wird eine neue Verschwörung entdeckt!« Sie reichte ihm die Hand und eilte dann wieder ans Fenster, weil Stimmen laut wurden.

Kandidat Fröhlich beglückt von ihrem warmen Druck, wollte sie schnell noch weiter trösten. »Harren Sie nur tapfer aus, liebes Fräulein! Sie werden bald etwas erleben, was Sie mit großer Befriedigung erfüllen wird.«

Er konnte nur noch ihr verblüfftes Gesicht sehen, denn Kornelia kam herangeeilt. Fröhlich war schon wieder auf dem Korridor, sie hatte ihn aber doch aus dem Zimmer kommen sehen, begrüßte ihn freundlich und reichte ihm die Hand, die der Kandidat an seine Lippen zog; dann raunte sie ihm zu: »Hübsch den Mund gehalten über gestern. Herr Leutnant Frank hat mir bereits alles geschrieben. Ich werde mich auch revanchieren und mal die Kleine drin ein wenig aushorchen.«

Fröhlich verstand sie. »O wenn Sie das könnten, gnädiges Fräulein ... Ich bin nämlich ein bißchen —.«

»Schüchtern, weiß schon, weiß schon,« vollendete sie seinen Satz. »Nehmen Sie sich nur vor Mama in acht! Solche Unterrichtsstunden sieht sie nicht gern.« Sie wies auf die noch immer geöffnete Tür, wobei Fröhlich eine stumme Betrachtung machte. Dann hielt er es für besser, zu seinem Schüler zurückzukehren.