»Eine Momentphotographie wäre unbezahlbar gewesen,« sagte Roderich wieder. »Agathe, ich verstehe Dich gar nicht mehr. Laß doch den armen Kandidaten zufrieden, er hat andere Dinge zu tun, als Dir die Zeit zu verkürzen! Gott sei Dank neige ich nicht zur Eifersucht, sonst könnte ich dieses Puppenspiel tragisch auffassen ... Was hast Du denn eigentlich?«

Sie mußte die kleine Komödie fortsetzen und verzog das Gesicht aufs neue, indem sie mit der Hand nach dem Fuß fuhr. Es sei aber nicht bedeutend, sie habe sich nur etwas vertreten. Zufällig sei Fröhlich gerade hinzugekommen, den sie über Walter gefragt habe, und so sei er so freundlich gewesen, sie ans Klavier zu führen.

Roderich war dafür, zum Sanitätsrat zu schicken.

Sofort wurde sie aufgebracht. »Aber ich bitte Dich, um solcher Lappalie willen! Ein wenig verknackst, das ist das Ganze. Ich werde mir sofort eine kalte Kompresse machen und Du sollst sehen, morgen ist es gut.«

Der Bankdirektor hatte andere Dinge im Kopf, und so beruhigte er sich dabei, da er schnell fort mußte. Er gab ihr den üblichen Gewohnheitskuß auf die Stirn und ging. Da sein Wagen, der ihn heute früh nach der Bank gebracht hatte, bereits wieder nach Hause gefahren war, so hatte er sich eine Droschke genommen, die auf der Straße noch hielt, weil er nicht abermals anspannen lassen wollte. Kaum war er wieder unterwegs, als der Sanitätsrat in seiner etwas unmodernen Kutsche ihm entgegenkam. Roderich betrachtete das als einen Fingerzeig und ließ halten, was der andere auch tat. Rasch verständigte er den Hausarzt von dem kleinen Unfall und fuhr dann erst ganz beruhigt weiter.

XV.

Rudi hatte die Stimme des Vaters gehört und war im Hintergrunde stehen geblieben, denn er befürchtete, Walter könnte seine Klage aufs neue anbringen. Nun aber trat er zu der Mutter ins Zimmer, die sich bereits sehr gelenkig erhoben hatte, um ihren Mißmut über die fatale Ueberraschung durch ruheloses Umherrauschen austoben zu lassen. Sofort schüttete sie ihren Aerger über den Aeltesten aus. »Was hast Du denn in Fräuleins Zimmer zu tun!« fuhr sie ihn an. »Genierst Du Dich denn nicht? Das wird ja immer besser mit Dir!«

Er hatte etwas Aehnliches kommen sehen, und da er vorhin horchend an der Tür stehen geblieben war, fühlte er sich durchaus nicht eingeschüchtert. »Aber, Mama, Du gehst ja wieder ganz gut,« sagte er sorglos. Sie nahm an, daß Fröhlich über ihr Hinken gesprochen haben könne, und so fand sie nichts Besonderes in seinen Worten. Rasch gefaßt erwiderte sie: »Die Schmerzen, die ich dabei empfinde, kannst Du natürlich nicht sehen. Ich bemühe mich eben, alles sehr rasch zu überwinden. Nur mit meinem Kummer über Dich wird mir das nicht gelingen.« Und gleichzeitig biß sie die Lippen aufeinander und zog den einen Fuß etwas nach, aus Zerstreuung aber diesmal den verkehrten, was ihr übrigens auch ganz gleichgültig war.

»Natürlich hat mich Fröhlich wieder verklatscht. Er war doch bei Dir.«

»Ach, laß den Herrn Kandidaten aus dem Spiel! Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wäre ich umgefallen. Um mich bekümmert sich ja niemand im Hause!« Das war bei schlechter Laune ihre ewige Klage.