Trotzdem Frau Roderich seiner Mitteilung kein Gewicht beilegen wollte, ging ihr die Sache doch im Kopf herum. Der Zufall spielte ja oft merkwürdig, und bei Kornelias Starrsinn war alles möglich. Sie wollte vorsichtig zu Werke gehen, und so ging sie zuerst in Fräuleins Zimmer und sah sich die Photographie auf dem Tisch, der sie sonst keine Beachtung geschenkt hatte, gründlich an. Ein ganz hübscher Kerl, das mußte sie sagen, aber für ein anderes Mädchen geschaffen, als ihre Tochter war, die jeden Tag noch auf die Potsdamer Garde hoffen konnte. Gern hätte sie einen Blick in die Kommode geworfen, aber alles war fest verschlossen.

Dann ging sie in der Aeltesten Zimmer, um auf die Spur eines Briefwechsels zu kommen, mußte aber auch hier enttäuscht ihr Forschen aufgeben. Das hätte sie sich auch denken können: wenn man Kornelia hieß, dann ließ man so etwas nicht offen liegen. Erst im Atelierraum gab ihr zweierlei zu denken. Auf einem Stück Pappe, das auf der Staffelei stand, war mit Kohle ein männliches Profil mit eine Ansatz von Schnurrbart gezeichnet, das auffallende Aehnlichkeit mit der Photographie hinten hatte. Und dann erblickte sie eine vollerblühte dunkelrote Rose in einem hohen, getrübten Kelchglase. Einzelne Rosen im Zimmer eines jungen Mädchens waren immer verdächtig, und diese hier schien ganz besonders aufmerksam behandelt zu werden. Also konnte an der Vermutung doch etwas daran sein. Merkwürdigerweise lief ihr Rudi gleich wieder über den Weg, als sie in die untern Räume hinabstieg.

Es sei sehr schwül draußen, und da sitze es sich besser zu Hause, meinte er. Etwas schwül war ihm allerdings drüben im Zoologischen Garten geworden, denn er hatte seine Schwester bei Fanny erblickt und war in einem weiten Bogen um beide herumgegangen, bis er den Ausgang wieder aufsuchte. Die Tiere interessierten ihn nicht, nur die Menschen, namentlich, wenn sich zu einem jungen Gesichtchen auch hübsche Frauenkleider fanden. Gern hätte er aufs neue ein wenig über die Zuneigung der beiden Mädchen geschürt, aber dann hätte die Mutter seinen Besuch drüben um diese Zeit auffallend finden und abermals mit Fräulein zusammenbringen können.

Als Kornelia dann nach Hause kam, ging Frau Roderich direkt auf ihr Ziel los. »Kennst Du einen Leutnant Frank?« fragte sie ziemlich gleichgültig.

Neli, die sich auf einen derartigen Fall längst vorbereitet hatte, tat etwas zerstreut, ohne sich in ihrer Arbeit stören zu lassen. Es war noch vor Tisch, und sie legte den Hintergrund des Tierstückes aus dem Gedächtnis weiter mit Wasserfarbe an. »Frank ... Frank ... Frank ...? Warte mal. Man lernt so viele Leutnants kennen. Ach, Du meinst wohl Fräuleins Bruder? Ja, den habe ich mal kennen gelernt. Wo war es doch gleich? Richtig, bei Kroll auf dem Krippenfest; da regnet es ja immer ein Schock Freibillets für Leutnants, die zum Tanzen kommandiert werden. Ein netter Mensch, soweit ich mich erinnere. Irre ich nicht, so hat er neulich auf der Straße auch mal gegrüßt.«

Sie strich ihre Farbe ruhig weiter, und Frau Roderich fand diese Ruhe so »pomadig«, daß sie nichts Besonderes dahinter witterte. Sie hatte es ja gleich gesagt, daß von etwas Ernstem dabei nicht die Rede sein könne.

»Wie kommst Du übrigens darauf?« fragte Neli noch, bevor ihre Mutter ging.

»Du lieber Himmel, wie man so darauf kommt. Du tust ja so intim mit unserem Fräulein, daß man beinahe annehmen könnte, Du hättest bei ihrer Mutter schon Visite gemacht.«

»Deine Einfälle, Mama!« Kornelia lachte, dachte sich aber ihr Teil. Noch am selben Abend hatte sie von ihrem Vater die Zusage zum gemeinsamen Besuche des Zoologischen Garten am Donnerstag erhalten. Wenn etwas derartiges bevorstand, dann mußte er zeitig darauf aufmerksam gemacht werden; denn gerade jetzt, vor seiner Erholungsreise, hatte er große Arbeiten zu bewältigen, und so fuhr er öfters zu einer Abendsitzung ins Geschäft. Einer großen Hypothekenbank, die mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, war man beigesprungen, und so gab es fast täglich Verhandlungen in Gegenwart des Aufsichts- und Verwaltungsrats. Roderich hatte sogar angekündigt, daß er sein Diner in der Stadt einnehmen werde, um Zeit zu ersparen, was einen Jammerausbruch Agathes zur Folge hatte. »Nun werden wir Dich wohl gar nicht mehr zu sehen bekommen,« sagte sie. »Nächstens schläfst Du noch in Deiner Bank.«

»Na, laß nur, liebe Agathe,« erwiderte er ruhig. »Dann spielst Du fleißig vierhändig mit unserem ewig ernsten Fröhlich ... Ich weiß schon, was Du mir da vorhältst: ich gönnte Dir wieder nichts.«