Er versetzte ihr jetzt gerne hin und wieder einen derartigen Stich, denn seit der letzten Ueberraschung fing ihm die Sache an bunt zu werden. Es war Zeit, ihrer nervösen Selbsthetze den nötigen Dämpfer aufzusetzen. Im geheimen nahm er sich den Kandidaten vor und bestärkte ihn, festzubleiben und keine »Ueberstunden« mehr zu machen, wie er sich ausdrückte. Fröhlich sah sich nun zwischen zwei Feuern und fühlte jetzt schon das Brennen von der heißeren Seite, aber er nahm sich doch vor, den Rat des vernünftigen Hausherrn zu befolgen.
»Also Mama wird nicht mitkommen können,« sagte Roderich dann zu seiner Tochter. »Sie kann ja gar nicht auftreten.«
»Wart's nur ab, Papa; bis dahin wird's schon besser sein,« gab Kornelia zurück. »Du kennst Mama noch lange nicht so, wie ich.«
Sie lachte so merkwürdig, daß er stutzte und dann, neugierig geworden, sich am andern Vormittag, als er erst später fortfuhr, hinter den Hausarzt steckte, dessen Besuch er abgewartet hatte.
Sanitätsrat Siebert war ein alter schrullenhafter Herr, der seine Zylinderhüte sehr lange trug und sie vermittelst einer Bürste und eines nassen Handtuches andauernd selbst aufbügelte, bis sie verschiedene Neuheiten überstanden hatten und glücklich wieder modern geworden waren, was bei den Modetorheiten nicht lange auf sich warten ließ. Aehnlich ging es seinem verwilderten rötlichen Bart, den er sich selbst beschnitt, was manchmal etwas einseitig ausfiel, so daß sein noch auffallend junges Gesicht mit der scharfen Brille hin und wieder einen schiefen Ausdruck bekam, was ihn aber durchaus nicht genierte, in seinen Bestrebungen der Selbsthilfe fortzufahren, weniger aus Sparsamkeitsrücksichten, als aus Bequemlichkeitsgründen.
Zu seinen sonstigen Gewohnheiten gehörte auch das Tragen der Winterkleidung bis in die warme Jahreszeit hinein, weil er es für die erste Pflicht eines Arztes hielt, sich selbst gesund zu erhalten, wenn er seinen Patienten gute Lehren geben wollte. Das zu frühe Wechseln der Jahreszeitkleider hielt er für die Hauptursache aller Erkältungen, und so war sein Grundsatz: »Lieber ein bißchen zu viel, als zu wenig.« Im allgemeinen galt er als ein rücksichtsloser Herr, der plötzlich sehr grob werden konnte, wenn man seine Feinheiten, die in einem liebenswürdigen Spott bestanden, nicht mehr verstehen wollte.
»Nun, was macht der rechte Fuß meiner Frau?« fragte Roderich, als der Arzt ihn unten in seinem Kabinett begrüßt hatte.
»Der Linke ist's, der Linke, Verehrtester,« knurrte der Sanitätsrat etwas verdächtig. Den Winterüberzieher hatte er zwar endlich der zu großen Wärme wegen abgelegt, dafür trug er aber jetzt beim brennenden Sonnenschein seinen Sommerpaletot, an dem regelmäßig die Knöpfe nicht recht in Ordnung waren. In dieser Beziehung litt er stark unter seinem Junggesellentum, was aber andere nur bemerkten, denn er selbst hatte für eine derartige Vernachlässigung keine Augen.
»Hat sie sich denn beide Füße verstaucht?« fragte Roderich. »Sie sagte mir doch ausdrücklich, daß der Rechte es sei.«
»Der Linke, der Linke, lieber Freund,« wiederholte Siebert unerschütterlich. »Sie haben zuviel Zahlen im Kopf, natürlich nur siebenstellige, da vergessen Sie andere Kleinigkeiten.«