Beide kannten sich seit vielen Jahren, und so war auch ihre Unterhaltung stets von der vertraulichsten Art. Zwei ganz entgegengesetzte Naturen, stritten sie sich manchmal um Kleinigkeiten, kamen aber niemals auseinander, weil sie sich gegenseitig eingehend studiert hatten und der eine dann stets einlenkte, wenn der andere über das Ziel hinausgegangen war.

»Sie irren sich, Doktor, es ist der Rechte! Ich könnte es beschwören.«

»Dann würden Sie eben einen Meineid leisten, Direktor, und das ist doch wahrhaftig so ein dummer Fuß nicht wert. Bei allem Respekt vor seiner Kleinheit,« milderte er sogleich seinen aufsteigenden Groll. »Uebrigens, ob es nun der Rechte oder der Linke ist, Ihre Frau Gemahlin muß auf alle Fälle bald in ein Sanatorium.«

Er hatte mittlerweile den Zylinderhut, den er während des Sprechens mit dem Aermel stets liebevoll zu bürsten pflegte, beiseite gestellt und legte die ausgeblichenen grünen Handschuhe, die er niemals anzog, auf den Deckel. Den alten Regenschirm, den er Sommer und Winter mit sich führte, und niemals im Wagen zurückließ, weil er ihn als einen unzertrennlichen Freund betrachtete, dessen Stütze man bedarf, behielt er in der Linken, während er mit der Rechten an seiner Brille rückte, was er unbewußt tat, sobald er jemand scharf ansah. »Sie müssen sich dazu entschließen, sonst wird's chronisch. Mit See und Gebirge ist's diesmal nichts. Die Aerzte sind da nicht streng genug, sie können auch den Patienten nicht nachlaufen. Da geht zu viel durch die Finger.«

Roderich zeigte sich bestürzt. »Steht's denn so schlimm mit dem Fuß? Sie erschrecken mich ja. Es wird doch nichts gebrochen sein?«

»Unsinn,« knurrte der Sanitätsarzt wieder. »Dann würde ich doch kein Sanatorium vorschlagen. Das könnten wir hier im Hause kurieren. Ich meine ja auch gar nicht den Fuß, weder den rechten noch den linken. Es ist an beiden nichts zu sehen. Ich meine überhaupt den ganzen Zustand Ihrer Frau Gemahlin, daß Sie das noch nicht bemerkt haben, wundert mich eigentlich. Das macht aber, weil Sie fast den ganzen Tag über nicht zu Hause sind. Sie bekümmern sich zu wenig um Ihre Familie, mein lieber Direktor.«

Und indem er sich an dem verblüfften Gesicht des andern erfreute, machte er eine Gesprächswendung: »Uebrigens, ehe ich es vergesse —: mit den Aktien, die Sie mir im vorigen Jahre empfohlen haben, bin ich schön reingefallen. Die stehen jetzt auf vierundachtzig. Ich werde Ihnen den Verlust auf die Neujahrsrechnung setzen.«

Roderich hatte bereits seine Grobheit kommen sehen, und da er den Grund dazu kannte, lachte er, zugleich vom Schreck befreit. »Ich sagte Ihnen doch zur rechten Zeit, Sie sollten verkaufen,« erwiderte er dann.

»Sie wissen doch, daß ich ein Mensch bin, der sich nicht gern von liebgewordenen Dingen trennt,« zeterte Siebert aufs neue.

Roderich lachte abermals und tröstete ihn dann: das Unternehmen habe eine große Zukunft und die Papiere würden jedenfalls noch einmal sehr gesucht werden. Sofort war der Sanitätsrat wieder umgestimmt und nahm eine Prise, nachdem er auffallend lange nach der Dose in seiner tiefen Rocktasche gesucht hatte. Liebenswürdiger als sonst kam er auf seinen Vorschlag zurück, und Roderich verhehlte ihm nicht, daß er schon längst um seine Frau mit Besorgnis erfüllt sei. Und da er kein Geheimnis vor dem Freunde hatte, so weihte er ihn auch in das neueste »Kandidaten-Leiden« Agathes ein und schilderte ihm den letzten Vorfall in erheiternder Weise.