Der Sanitätsrat blieb durchaus ernst, denn er hörte nichts Neues. Als Hausarzt kam er öfters unverhofft, und so hatte er auch einmal am späten Nachmittag die beiden am Klavier überrascht.
»Sie sehen auch alles!« sagte Roderich ärgerlich.
»Einer von uns beiden muß es doch tun,« erwiderte Siebert spöttisch. »Sie dinieren eben viel zu lange. Das wird sich auch noch mal bei Ihnen rächen. Dann werden Sie vielleicht nach Kissingen müssen, oder irgend sonst wohin, und Ihre liebe Frau wird dann gesund sein und über Sie triumphieren.«
»Sie behandeln mich ja heute gut,« sagte Roderich wieder.
»Zu was bin ich denn Ihr Hausarzt?« warf der Sanitätsrat ein, der um so gemütlicher wurde, je mehr er andere sich ärgern sah. Im Augenblick hatte er daran gedacht, daß er den Verlust an den Aktien niemals werde einbringen können, und so hatte er wieder einen kleinen boshaften Vorstoß gewagt.
Dann aber sprach er sehr vernünftig über Frau Agathe. »Solche Nervösen bilden sich alle möglichen Leiden ein. Sie verspüren sogar einen intensiven Schmerz, trotzdem es nichts zu schmerzen gibt, und haben Geruchwahrnehmungen, die gar nicht vorhanden sind. Schließlich behaupten sie eines Tages, sie hätten keinen Kopf mehr, trotzdem der Kürbis noch ganz fest sitzt. Sie müssen immer einen Bewunderer haben. Natürlich darf's der eigene Mann nicht sein. Na, beunruhigen Sie sich nur nicht, wir werden das Schiff schon lenken. Wenn wir sie nur erst einmal aus dieser orientalischen Bucht herausbekommen könnten, in der sie den ganzen Tag sitzt und grübelt.«
»Das ist's ja eben!« rief der Bankdirektor aus und sprang erregt auf.
»So viele Oele und Salben gibt's ja in keiner Apotheke,« fuhr der Sanitätsrat trocken fort. »Man könnte den halben Balkan damit versorgen. Aber ich werde mich schön hüten, ihr diesen Rat zu erteilen. Solche Naturen hassen ebenso stark, wie sie lieben können. Da muß der Milieuwechsel helfen, die neuen Wände, die neue Tageseinteilung und die neuen Gesichter. Deshalb sage ich nochmals: raus, raus und nochmals raus! ... Das will ich nun aber selbst befolgen, sonst schläft mein Gaul draußen ein. Im übrigen kennen Sie ja meine Parole: Mensch, ärgere Dich nicht.«
Er war bereits vom Stuhle aufgestanden und hatte inzwischen die Handschuhe sehr sorgsam glatt gestrichen und den Zylinder unter dem Ellbogen gedreht. Nun verabschiedete er sich, sprach aber von der Tür aus noch einmal zurück: »Lassen Sie sich um Gottes willen nichts merken, sonst wird's noch schlimmer!«
»Ich werde mich hüten, ich will meine Ruhe haben,« rief Roderich ihm nach. Er tat denn auch gar nicht erstaunt, als Agathe ihm mitteilte, daß die verschriebene Einreibung über Nacht geholfen habe, und daß sie nicht den leisesten Schmerz mehr verspüre. Erfreut darüber, alle so hübsch getäuscht und ihr Mitgefühl erweckt zu haben, erklärte sie sich bereit, am Donnerstag mit in den Zoologischen zu gehen. Sie hatte zwar das Billet für »Die Meistersinger«, aber rasch faßte sie den Entschluß, es Fröhlich zu schenken.