Mit einem harmlosen Lächeln überreichte sie es ihm.

Der Kandidat war betroffen, aber sein ahnungsloses Gemüt wurde dadurch nicht getrübt. »Gewiß wird sie Dich noch andichten,« raunte ihm sein innerer Mensch zu. »Was hast Du eigentlich getan, um dieses Uebel auf Dich zu laden?« Und er ging in das Zimmer neben der Unterrichtsstube, stellte sich vor den Wandspiegel und musterte sich wie ein Mensch, in den plötzlich die Eitelkeit gefahren ist.

Er wollte doch einmal gründlich sehen, was er eigentlich so Besonderes besäße, wodurch die Gnädige sich so andauernd bewogen fühlte, ihm ihre Gunst zu schenken. Und das Ergebnis dieser Betrachtung war die stille Anrede: »Es ist die reine Verirrung von ihr, die absolute Verirrung, oder eine Trübung ihres Sehnervs, wenn nicht gar eine Verdunklung der Gefühlswelt. Oswald Fröhlich, es muß gerade herausgesagt werden: Du kannst nicht den mindesten Vergleich aushalten mit dem Bankdirektor. Er ist nicht nur stattlicher als Du, weltkluger und energischer, — er hat auch viel mehr Geld, ist in hochangesehener Stellung und besitzt die Kraft, sechs Gänge täglich zu verdauen. Er ist also sozusagen das Muster eines Mannes. Was will sie also von Dir? Ist sie eine zweite Lukrezia Borgia, ins Moderne übertragen, die eine grausame Wonne darin findet, arme Schulamtskandidaten seelisch zu zermartern?«

Ja, was wollte dieses fürchterliche Weib?

Der Kandidat, der Frauen gegenüber ein großes Kind war, vermochte keine Antwort auf diese Frage zu geben, aber er nahm sich vor, diesem Zustande ein Ende zu machen, und sollte auch der Zorn der Hausherrin sich mit Gewitterschwere über ihm entladen. Auch Familiensklaven hatten das Recht, sich zu verschwören und zu empören, und leisteten sich zwei den Eid der Treue, so wurden sie stärker, als einer.

XVI.

Wenn Sklaven sich auflehnten, so trotzten sie auch den Befehlen der Herrschaft, und so machte Kandidat Fröhlich sofort davon Gebrauch, indem er mit einem kühnen Entschlusse das Kuvert aufriß.

In dem Zettelausschnitt neben dem Billet steckte ein funkelnagelneuer Zwanzigmarkschein, fast noch feucht von der Presse der Druckerei. Fröhlich glaubte zuerst, eine jener Blüten vor sich zu haben, mit denen man sich einen Scherz erlaubt, dann aber kam ihm zum Bewußtsein, was diese wertvolle Beilage zu bedeuten habe. Frau Roderich hatte nicht umsonst auf seine Umstände und Auslagen hingedeutet. Er fühlte die brennende Röte des gebildeten unverdorbenen Mannes, dem plötzlich unheilvolle Ahnung die Lebenserfahrung ersetzt. Das konnte nicht mehr Großmut sein, das war Käuflichkeit der Gesinnung. Er sah sich beleidigt und erniedrigt, tief gedemütigt, zu einem Intriganten herabgezwungen, dessen geheimes Spiel man sich sichern wollte.

Keinen Augenblick war er im Zweifel, was er zu tun habe, denn plötzlich kam er sich gewachsen vor und sehend wie ein Blinder, der bisher im Dunkeln getappt hatte.

Er kehrte zu ihr zurück und ließ sich durch Emma anmelden, die dabei war, Zofendienste zu verrichten.