»Gnädige Frau werden verzeihen, daß ich so verwegen war, gleich meine Neugier zu befriedigen,« begann er höflich, als er ihr endlich allein gegenüberstand. »Frau Direktor haben sich in der Eile vergriffen und eine Banknote mit eingepackt. Hier ist sie wieder.«
Er hatte etwas warten müssen, denn die Friseuse war gerade eingetroffen, und so kam die Gewaltige vom Ankleideraum erst herübergerauscht. Mit kühn gewellter Haartour, die vorne hoch gelockert, schon für den Abend bestimmt war, erschien sie größer und majestätischer. Der rosa Frisiermantel, in dem sie noch steckte, umflatterte sie wie ein Domino, und so war sie auch in diesem Augenblick ganz Theater, mit einem Stich ins Maskenhafte. Und diese Maske bewahrte sie mit bewundernswerter Beherrschung, denn sofort heuchelte sie die Ueberraschte.
»Was, der Zwanzigmarkschein? Wo ist er? Ich suche ihn schon wie eine Stecknadel, ich hatte ihn vorhin auf den Schreibtisch gelegt, und dann war er weg. Nein, wie man sich so versehen kann!«
Sie schrie es mehr, als sie es sagte, denn unbändig schäumte die Wut in ihr. Dann lachte sie breit auf; es sollte heiter klingen, aber ihr Grollen gurgelte sich damit hervor.
»Jedenfalls danke ich Ihnen sehr, Herr Kandidat. Schließlich wäre ich bei Ihnen noch in den Verdacht gekommen, das Garderobengeld für Sie auszulegen.« Ein zweites gurgelndes Lachen folgte, dann nickte sie ihm wohlwollend wie eine Königin zu und ließ ihn gehen.
Kaum aber war sie allein, so biß sie in das feine Gewebe des Spitzentuches, mit dem sie das heiße Antlitz getupft hatte. Wie eine geneckte Tigerin ging sie in ihrem Schmollzimmer auf und ab, ohne den Ausweg auf den Feind zu sehen. Dann warf sie sich mit Wucht auf das Ruhebett, drückte das Gesicht rücksichtslos in das geschmeidige Seidenkissen und suchte nach Tränen. Sie wußte, daß diese Komödie ihr nicht gelungen war, und so hätte sie schamvoll weinen mögen, sie, die geachtete Frau und Mutter großer Kinder. Und plötzlich gebärdete sie sich wie eine Eingekerkerte, die allein mit ihrem Schmerze ist. Sie rang die Hände mit dem Seidentuch und rief schluchzend ins Zimmer: »Ich habe es doch nur gut gemeint, er ist ein so armer Mensch, ich wollte ihm eine Freude bereiten. Und er war vielleicht so dumm, etwas anderes zu glauben.«
Dann erhob sie sich wieder mit einem Ruck, und ging aufs neue durchs Zimmer. Alles das wäre vielleicht nicht gekommen, wenn er das Kuvert erst am Abend geöffnet und wenn ihn Berlin mit seinem Gebrause umtobt hätte. Dann würde er weiser überlegt haben, hätte nur ihre Güte darin gesehen und wäre zu einem ganz anderen Entschlusse gekommen. Die Musik Wagners hätte ihn umwogt, die weihevolle Kunststimmung ihn auf reinere Gedanken gebracht, und dann würde sie für ihre Aufmerksamkeit am andern Tage den Dank empfangen haben. Weshalb hätte er sich nicht auch einmal einen vergnügten Abend in Berlin machen sollen? Denn so hatte sie sich alles ausgemalt.
Ein böser Gedanke schreckte sie wieder aus dieser geknickten Stimmung. Sicher war Fröhlich von anderer Seite darauf gebracht worden, das Kuvert vorzeitig zu öffnen. Konnte Fräulein ihm nicht den Rat erteilt haben, sich nicht bis zum Abend mit Geheimnissen zu plagen? Agathe hatte ja vorhin ihre Stimme gehört. Ja, so mußte es sein.
Während Frau Roderich wieder auf und ab raste, wuchs ihre Einbildung bis ins Uferlose, und nichts Weiches mehr beherrschte ihr Gemüt, sondern nur der Wunsch zehrte an ihr, sich mit all der Lieblichkeit austoben zu können, die man im ganzen Hause bereits kannte und die ihr vorübergehend Ruhe gab.
Es ging auf die Mittagszeit, und Fanny war wirklich mit den Kindern wieder in ihrem Zimmer, ohne daß aber der Kandidat davon wußte. Als er es dann aber erfuhr, nachdem er von Frau Roderich zurückgekehrt war, konnte er die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen nicht unterdrücken. Er klopfte und bat sie auf einige Minuten in das Spielzimmer. Solange sie im Hause war, hatte sie sich bemüht, dem Jungen die Anfangsgründe im Lesen und Schreiben beizubringen und ihn sowohl, wie das Schwesterchen durch das Ausschneiden und Zusammenkleben von Modellierbogen zu erfreuen. Rasch schrieb sie dem Jungen etwas auf die Tafel, gab Trudchen einige bunte Sächelchen und folgte dem Kandidaten.