»Am vorigen Sonntag war Ihr Herr Bruder bei mir,« begann er wichtig, »und ich kann wohl sagen, wir haben sehr rasch Bekanntschaft miteinander gemacht. Ich will hinzufügen, aus gewissen Gründen, die Sie bestimmt von Fräulein Kornelia erfahren dürften. Ich wollte erst darüber schweigen, aber es drängt mich, es drängt mich wirklich, Ihnen zu sagen —. Mein liebes Fräulein, wenn Sie wüßten! —«
Bewegt brach er ab, weil er nicht den Mut fand, weiter zu sprechen.
Starr hatte sie ihn angeblickt, denn alles kam ihr unerwartet. »Mein Bruder Kurt bei Ihnen?« preßte sie endlich hervor.
Das gab ihm den Fluß der Sprache. »Ich habe nicht Zeit dazu, viel darüber zu sprechen, aber nächsten Sonntag vormittag werden Sie mich drüben treffen, und dann will ich Ihnen alles sagen. Mein bestes Fräulein, wir sind umringt von Feinden, und zwar von den schlimmsten, die es gibt; denn wer uns Brot gibt und haßt uns dennoch, der ist der wahre Teufel im Fell des Lammes.«
Er ergriff ihre Hände, und staunend ließ sie es geschehen, denn es war ihr, als würden ihr Offenbarungen verkündet. Mit zitternden Lippen sprach er weiter. »Hier in diesem Zimmer habe ich die Kindesphantasie belauscht, und hier will ich auch zu einem großen Kinde sprechen, das mich jetzt so sonderbar fragend ansieht. Sie sollen wissen, was ich am nächsten Sonntag von Ihnen erwarte, und so sage ich ganz offen zu Ihnen: Fräulein Fanny, ich habe Sie schon lange liebgewonnen, und ich liebe Sie von ganzem Herzen. Und wenn Sie mich auslachen, es ist so. Und ich sage, wie unser großer Reformator: ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders!‹ Am nächsten Sonntag will ich mir die Antwort von Ihnen holen, ob Sie meine Braut sein wollen, wenn auch vorerst noch heimlich, aber doch vor Gott und meinem Gewissen. Und sagen Sie nein, so werde ich es Ihnen sicher nicht übelnehmen. Meine Verehrung bleibt dieselbe.«
Sie lachte nicht, aber wie versteinert stand sie da und fand keine Abwehr, als er ihren Kopf zwischen seine Hände nahm und zwei Küsse auf Haar und Stirn drückte. Und so verharrte sie noch, als er fast lautlos hinausgegangen war. Es war ihr alles so feierlich gewesen, so ernst und heilig, wie sie sich niemals die Erklärung einer Liebe gedacht hatte.
Zum ersten Male war sie von einem fremden Manne geküßt worden, und noch glaubte sie den heißen Druck der Lippen auf der Stirn zu spüren. Was war das nur alles? Was für ein geheimnisvolles Weben umgab sie, daß sie sich wie entrückt der Welt vorkam?
Aber schon in der nächsten Minute wurde sie rauh in die Wirklichkeit zurückgeführt. Die Hausherrin riß die Tür auf und keifte sofort los: »Wo stecken Sie denn? Wie können Sie denn die Kinder allein lassen? Hans hätte beinahe ein Stück Griffel verschluckt! Träumen Sie denn!«
»Jawohl, gnädige Frau, ich habe geträumt,« sagte sie ruhig und schritt langsam und ernst der Türe zu.
»Aber, ich bitte Sie, dazu haben Sie ja nachts Zeit. Wollen Sie jetzt die Liebenswürdigkeit haben und dem Jungen mal die Flecke aus seinem Alltagsanzug machen. Die Kinder werde ich nach vorn nehmen. Waschen Sie sich dann aber die Hände gründlich, damit Sie beim Essen nicht nach Benzin riechen.«