»Jawohl, gnädige Frau, das soll alles besorgt werden.«
»Nach Tisch möchte ich Sie dann zu mir bitten, ich habe noch eine andere Arbeit für Sie.«
»Jawohl, gnädige Frau, ich werde kommen.«
»Ich möchte Sie dann auch bitten, heute einmal gegen Abend zum Schuhmacher mit heranzugehen und die Schuhe für Trudchen zu holen. Er schickt sie gar nicht.«
»Es soll geschehen, gnädige Frau.«
Alles das waren Beschäftigungen, die eigentlich dem Hausmädchen und dem Diener zukamen, aber es behagte Frau Roderich, ihr Fräulein damit zu belasten. Zwar hatte sie beim Antritt Fannys ausdrücklich darauf hingewiesen, daß sie sich nur mit den Kindern zu beschäftigen haben werde, aber so etwas geriet ja leicht in Vergessenheit. Ueberdies gab es Haushaltungen, in denen die Fräuleins noch ganz andere Dinge zu verrichten hatten.
Noch immer wie im Traum holte sich Fanny den Anzug des Jungen und ging dann die schmale Treppe hinauf, die zum zweiten Stockwerk führte. Hier waren die Fenster niedriger, als unten, und nur die vorderen Zimmer hatten einen herrschaftlichen Anstrich. Zwei von ihnen bewohnte Rudi, der früher neben der Schwester hauste, dann aber, als das Atelier hergerichtet wurde, hier hinaufzog. Es war zwar genug Raum unten, denn nach dem Garten hinaus lagen noch Fremdenzimmer, aber er behauptete, sich oben ganz wohl zu fühlen. Er war hier mehr ohne Aufsicht, konnte sich unbemerkt hinaufstehlen, wenn er lange gekneipt hatte, und ungestörter Unsinn treiben, sobald er Freunde zu sich geladen hatte. Dann wurde Essen und Bier hinaufgeschafft, und die Studentenlieder erschallten, so daß die Fensterscheiben dröhnten.
Vor einem Jahr noch hatte Walter mit ihm in einer Stube geschlafen, dann aber nahm man den Jungen herunter, weil die Brüder sich nie vertragen konnten. Stets hatte der Aelteste an ihm etwas auszusetzen und hielt sich in unzarter Weise über seinen Mißwuchs auf, so daß der Knabe schließlich Scheu empfand, sich vor ihm zu entkleiden.
Nach hinten hinaus lagen einfache Räume, in denen die Mädchen und der Diener schliefen, der überdies noch unten seine Putzstube hatte. Sonst gab es nur Rumpelkammern, die angefüllt mit Kleidungsstücken und allen möglichen Dingen waren. Früher schlief auch das entlassene Kammermädchen der Damen oben, aber als die Nervosität Frau Roderichs sich steigerte, hatte sie den Wunsch, die Zofe auch nachts in ihrer Nähe zu haben, um schneller auf ihre Dienste rechnen zu können. Man traute auch Rudi nicht, der für die Mädchen seine unausstehlichen Neckereien bereit hatte und nach dem späten Nachhausekommen manchmal den »Geist« spielte, der mehr Bejahung haben möchte, als Verneinung.
Es machte ihm dann Vergnügen, heillosen Spuk zu treiben. Als er aber einmal an die Türe der Köchin mit Kreide drei Kreuze gemalt hatte, wurde er am andern Tage von der Rücksichtslosen mit Ohrfeigen bedroht, er hütete sich jedoch, Klage bei den Eltern zu führen, da er auf alle Fälle den kürzeren dabei gezogen hätte. Seitdem war er vorsichtiger geworden und kniff höchstens Emma in die bloßen Arme, was die Mecklenburgerin mit einem derben Handschlag beantwortete. Das war immerhin erträglich, denn er wußte auch, daß sie es nicht so meinte. Hin und wieder fiel eine Mark für sie ab, oder er brachte ihr eine Fünfzigpfennig-Brosche mit, was namentlich dann geschah, wenn sie die Zeichen seiner Uebelkeit im Zimmer nicht verraten sollte.