Dem Nachbargarten zu lag eine leere, helle Kammer, die einen langen Tisch enthielt, der zum Reinigen der Sachen diente. Fanny legte den Anzug weg, setzte sich auf einen Schemel und faltete die Hände. Ihr Blick ging durch das geöffnete Fenster über die Kronen der Bäume hinweg ins Weite. Tränen lösten sich und tropften ihr auf die Wange. Sie wußte kaum, weshalb sie kamen, ob aus Rührung über die Worte Fröhlichs oder aus Weh darüber, unverdiente Kränkungen von ihrer Gebieterin zu erfahren. Aber sie konnte weinen, und das gab ihr Erleichterung und zugleich auch Trost. Ungekannte Wonne machte sie heimlich erschauern: sie wurde geliebt, sie sollte Braut werden und natürlich dann auch Frau. Brachte sie denn dem Kandidaten dasselbe Gefühl entgegen? Sie wußte es nicht, denn niemals hatte sie an eine derartige Wendung gedacht. Er war ein angenehmer Mensch, das mußte sie sich sagen, und gewiß konnte sie nicht behaupten, ihn ungern zu sehen.
Ihr Kopf war mit unklaren Vorstellungen gefüllt, die sie nicht bezwingen konnte. Die Arbeit sollte ihr Zerstreuung geben.
Als sie wieder die Treppe hinuntergegangen war, kam Rudi den Gang entlang und zog höflich den Hut. Während er dann die Stufen nahm, ärgerte er sich, nicht eiliger gewesen zu sein, nachdem er durch die Mutter von Fräuleins Anwesenheit oben erfahren hatte. Er hätte endlich einmal in aller Stille über den »dummen Jungen« quittieren können, worauf er schon längst versessen war.
Aus dem Abend im Zoologischen Garten wurde diesmal nichts. Schon am frühen Nachmittag bestellte Roderich durch den Fernsprecher die berühmten sechs Gänge ab und teilte mit, daß er erst spät abends nach Hause kommen werde. Der Direktor einer auswärtigen Bank habe ihn gebeten, mit ihm zusammen zu speisen, außerdem sei wieder Abendsitzung.
»Ist mir eigentlich angenehm, lieber Adolf,« sprach Agathe zurück, »ich fühle mich entsetzlich elend und möchte früh schlafen gehen.«
»Dann schick doch Kornelia ins Opernhaus!«
Im selben Augenblick ertönte das Schlußzeichen von ihr, und das Gespräch war abgebrochen.
Es war keine leere Ausrede, denn sie fühlte sich wirklich krank. Das »Mißverständnis« mit Fröhlich war ihr zu sehr an die Nerven gegangen, und dazu kam noch der Aerger darüber, das Billet verschenkt zu haben. Hätte sie diese Wendung geahnt, wäre sie selbst gegangen. Und dann hätte sie diesen großen Undank nicht erlebt.
Frau Agathe befand sich in einer jener Stimmungen, wo sie sich verlassen von aller Welt wähnte und behauptete, keine Familie zu haben, und sich einbildete, ihr Ende werde bald bevorstehen. Eigentlich war es ein großer seelischer Katzenjammer, wie ihr Mann diesen Zustand stets bezeichnete, natürlich hübsch für sich, aber sie behauptete doch, an allen Gliedern zu empfinden, wie sie der körperlichen Auflösung entgegengehe.
Sie lag wie zerschmettert auf ihrem Ruhebett und sprach nur mit schwacher Stimme. Kornelia und Emma sollten fortwährend bei ihr sein, und als die Tochter das überflüssige Gestöhne nicht mehr ertragen konnte, war Emma allein das Opfer, das die Riechfläschchen in Bewegung hielt und geduldig alles über sich ergehen ließ.