Dann hieß es in wirrem Durcheinander: »Emma, fühlen Sie mal meine Hand. Ist sie nicht ganz kalt? Und die Stirn und den Kopf. Der helle Schweiß darauf, nicht wahr?« Manchmal schrie sie auf, als empfände sie heillose Stiche, und dann behauptete sie, das Herz stünde ihr still. Aber trotzdem sprach sie ruhig weiter.

Und Emma, die derbe Mecklenburgerin, die von ihrem Herrn schon wußte, wie man die Gnädige behandeln müsse, sagte zu allem: »Ja«, tröstete mit dem »Vorübergehen« und packte wacker kalte Kompressen auf die Stirn. Und war auch sie einmal hinaus, dann bekam Aeffi das ganze Leid zu hören. »Ja, mein gutes Tierchen, so verlassen läßt man Deine Herrin liegen! Du allein verstehst mich, Du hast Gefühl. Komm her, mein gutes Tierchen!« Und sie streichelte den Pinscher und gab ihm Teegebäck aus der Hand zu fressen.

Einmal erlaubte sich Emma, die Frage zu äußern, ob Fräulein sie nicht vertreten könne, denn sie hatte notwendig hinten zu tun; sie prallte aber von der Anhauchung entsetzt zurück. Die Gnädige fühlte sich plötzlich frisch zum Angriff, als sie losschrie: »Wenn Sie sich noch einmal so etwas erlauben, ohne gefragt zu werden, können Sie Ihre Sachen packen! Ich werde Fräulein schon selbst befehlen, wenn ich es wünsche.«

»Aber, gnäd'ge Frau, das war ja man bloß so'n Einfall von mir. Ich mein's ja gut.«

»Behalten Sie solche maßlosen Einfälle für sich!« Erregt ließ sie das Haupt zurückfallen.

Auf einem kleinen Dreifuß mußte Räucherpapier angezündet werden, das seinen süßlichen Flammenduft durch das Zimmer sandte. Frau Roderich behauptete, daß das ihre Nerven belebe und das Atmen kräftige. In Wahrheit wollte sie stets in einer Art Märchentaumel bleiben, der ihre Sinne wach erhalte. Neben ihr, an der Wand, hing ein ganzes Bündel Riechkissen, die sie abwechselnd an den langen Bändern heranzog und gegen die Nase drückte. Sie wollte den Verwesungsgeruch verscheuchen, den sie angeblich verspürte. Dann verlangte sie nach den Kindern und strich liebevoll über ihre Häupter. Fast war es so, als wollte sie wirklich Abschied von ihnen nehmen, denn beinahe versagte ihr die Stimme vor seelischer Zerflossenheit.

»Aber, Mama, Du bist wirklich nicht recht gescheit,« fuhr Kornelia dazwischen, die gerade hereingetreten war und ihr den Tee brachte. »Das geht doch alles vorüber, das weißt Du ja, man sieht Dir ja nicht das geringste an!«

»Du bist gerade so brutal, wie Dein Vater,« hauchte sie. »Du bist ja in großer Toilette? Du wirst doch nicht etwa fortgehen und mich hier allein lassen?«

Kornelia war allerdings zum Ausgehen gerüstet, denn sie hatte den Verdruß über die Absage des Vaters bald überwunden und betrachtete für sich allein den Abend durchaus nicht als verfehlt. Kurt Frank wartete ja drüben und das war die Hauptsache für sie. In nächster Woche gab es ja auch noch Abende, wo man das Versäumte nachholen konnte.

»Ich muß auf ein paar Augenblicke nach dem Zo,« fuhr sie fort. »Ich hatte Elsbeth Keller noch geschrieben, und die kann ich nicht warten lassen. Ich bin gleich wieder hier. Ich werde aber sofort noch zum Sanitätsrat gehen.«