Diese Drohung half. »Nein, nein, nein!« wehrte Agathe ab. »Da geh nur schon und bleib' nicht lange!«
Merkwürdigerweise litt Frau Agathes Appetit nicht unter ihrem Leiden, was sie sofort nach Kornelias Fortgang bewies. Schon vorher hatte sie angeordnet, daß der Fisch und der Kapaun, die für ihren Mann bestimmt waren, für sie hergerichtet würden, und so ließ sie sich ein kleines Diner auftragen, dessen bloßer Anblick schon den Bankdirektor mit Freude erfüllt haben würde. Aus Suppen machte sie sich nichts, dafür aber mehr aus Gemüsen und Früchten. Sie hatte zu Mittag fast gar nichts angerührt, und so vergaß sie ganz das »Fettwerden« und aß doppelt. Es war wie eine Wut über sie gekommen, sich das teure Leben zu erhalten. Außerdem leitete sie der Wunsch, es auch einmal ihrem Manne nachzutun und in gänzlicher Abgeschlossenheit eine Stunde lang zu tafeln.
Emma, die alles nach und nach hereinbringen und auf einem kleinen Tisch vor dem Ruhebett herrichten mußte, geriet fast außer sich, so daß sie zu der Köchin ganz erschreckt sagte: »Die gnäd'ge Frau ist doch amende krank. Was die man heute essen kann! Alles hat sie verputzt, und das ganze Eis dazu. Sechs ganze Gänge, wie der Här.«
Darauf erwiderte Lene sehr weise: »Lassen Se man, die Nerven essen manchmal extra. Das sollen ja Tierchen sein, die zehren. Ich war mal bei einem Arzt, der aß alles auf und seine Frau nichts, und dann sagte er das immer zur Entschuldigung. Und dabei war er stark wie ein Bär. Ich glaube, der hätte seine Frau aufgegessen, wenn's gegangen wäre. Die liebten sich auch nur soso.«
»Na, wissen Sie, das wird unser Här nicht tun,« warf Emma ein.
»Weil's eben zu lange dauern würde,« sagte die Köchin wieder.
Emma, die mit dem Rücken gegen den Herd stand, lachte, daß sie sich stützen mußte. Aber man hörte nur wenige Laute, denn wenn sie in große Heiterkeit geriet, warf sie den Kopf in den Nacken und sperrte den Mund weit auf, so daß sie das Lachen verschluckte.
Emil kam durch die offene Tür hereingeschlichen, umfaßte sie und legte die Hand auf ihren Mund. »Machen Sie die Futterluke zu, es zieht ... Ich will mein Diner haben, mein Diner! Mir ist nicht wohl, wenn ich meine sechs Gänge nicht habe! Der Herr hat mir heute alles vermacht,« näselte er dann und tänzelte durch die Küche.
Hausmädchen und Köchin schüttelten sich vor Lachen, bis dann Lene sagte: »Ihnen piekert's woll? Wenn Sie mal nischt zu dun haben, werden Sie jleich üppig. Hier, essen Sie noch die halbe Stulle, es ist mir zuviel. Das Diner hat heute die Jnädige jejessen.«
Sie saß am sauber lackierten Tisch, stützte den mächtigen Ellbogen auf die Platte und trank ein Glas Schultheiß-Bier nach dem andern. An warmen Abenden mußte sie ihre zwei Flaschen haben, die sie wie Wasser heruntergoß. Unter ihrer weißen Blusenjacke quoll ihr das Fett förmlich hervor, denn sie aß für zwei und schöpfte die beste Bouillon für sich ab.