Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.

Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun eine nähere Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den Beweis liefern soll, also ganz in demselben Styl gehalten ist. Dann fährt der Kritiker fort): „Wie war es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte? Man könnte sagen, auch der Applaus war gemacht, und zum großen Theil ist er’s offenbar auch gewesen. Man könnte den Succeß auf Rechnung der Schauspieler bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein es läßt sich nicht in Abrede stellen, auch das Stück selber, mindestens in der zweiten Hälfte, fand Anklang. Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine Stufe gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter kann’s nicht gehen!“

„Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie geschrieben, die für ihn und seine Laufbahn als Dramatiker Hoffnungen erwecken konnte. Als Theaterstück verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth sie doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum ist Herr Born in dieser Richtung nicht fortgegangen? Warum hat er sich nicht bemüht, seine dichterische Fähigkeit, so viel die Natur ihm verliehen hat, in einer zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit zu verwerthen? Warum ist er zum Feind geworden seiner eigenen Begabung? Die Antwort gibt sich jeder selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung erfordert, umgeht, um — nach Gewinn zu langen. Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen. Solche dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für unsere Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir prophezeien dem spekulativen Schreiber in dieser Beziehung eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn an Honorar (sic) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack des Publikums herunterbringen hilft, wird sich aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat seine Grenzen, und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen, der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst hinaustreiben wird.“

Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen Journal, hatte eine Empfindung des Grimms und des Verdrusses, die für den ersten Moment das höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog. Dämonisch angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog es und schüttelte den Kopf als über etwas völlig Unbegreifliches. Wie konnte ein Mensch, mit dem er freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen Ton anstimmen? Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, sein Buch zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber gesagt, was er irgend vermochte, und die Zögerung, sein Urtheil über die verwünschte Satire öffentlich auszusprechen, wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde, stand doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks und Charakters im ungeheuersten Mißverhältniß. Die Schmähkritik verdammte ein Stück, das den reinsten und ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer und Frauen der Residenz gehörten; sie hatte nur Worte des gröbsten Tadels und der Verleumdung, wo feine Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten: woher kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und der öffentlichen Meinung dermaßen in’s Gesicht zu schlagen? Wie kommt man überhaupt dazu, absichtlich ungerecht zu seyn? — Heinrich versuchte sich in einen Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, wie sie hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu schreiben vermochte, es gelang ihm nicht. Mit Staunen betrachtete er die Höhe der Gemeinheit, um beschämt vor ihr die Blicke zu senken.

Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in der Leidenschaft übertreiben, das begriff er auch. Wie aber ein Wesen, das den Namen Mensch beansprucht, Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und den Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu behandeln im Stande war, und zwar öffentlich, dem öffentlichen Urtheil sich preisgebend, das begriff er nicht.

Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik ungeahndet hingehen lassen, oder gegen den Schreiber auftreten? Und wenn dieß, mit welchen Waffen? Diese Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber zu keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige hören.

Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er das andere Journal zur Hand; denn wie boshaft der Exdramatiker sich aussprechen mochte, den Exfreund konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall.

In der That blieb dem letzteren die Palme, da jener nur das Werk verdammte und im Autor bloß gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen suchte. Dieß that er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit, daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte Leser wirken mochte, dem Getroffenen doch die Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten war die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte endlich eine Bewegung wie über die Expektoration eines Tollkopfs.

Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten und des Bittersten auf zwei Tage zusammengedrängt! Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung ein Gegenstand der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben zu besudeln giftig herbei dringt! — „Harpyen!“ rief der Poet, „wortwörtlich! Einladende Speisen zu beschmutzen, mit blinder Gier erfüllt! Welch ein Tiefsinn der mythologischen Phantasie!“

Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ er das Haus doch noch mit sehr gemischten Empfindungen. Er fühlte eine wahre Sehnsucht, einen braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann auf, von dem er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters auf dem Weg zur Redaktion eines Unterhaltungsblattes treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und ging eilig auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, sagte bescheiden lächelnd: „Sie scheinen von einem Dorn gestochen zu seyn?“