„Allerdings,“ erwiederte Heinrich mit entsprechendem Mundverziehen. „Eben hab’ ich sie mir aus dem Fleisch gezogen, die giftige Spitze. Was sagen Sie dazu?“ — „Es ist stark,“ versetzte Willmann, „sehr stark.“ — „Ein non plus ultra in jeder Hinsicht!“ rief der Gekränkte. „Was soll ich dagegen thun?“ — „Nichts,“ erwiederte der Andere mit ruhigem Nachdruck.
Heinrich sah ihn an. „Sie meinen, der Artikel richtet sich selbst? und die Verachtung, womit man ihn lesen wird, kann mir Rache genug seyn?“ — Willmann sah ihn erheitert an. „Nichts weniger als das!“ rief er. „Der Artikel, fürcht’ ich, wird mit großem Vergnügen gelesen werden.“ — „Wie!“ rief der Poet. „Ist nicht das Publikum mit beschimpft? Und wird es sich das gefallen lassen?“
„O,“ versetzte Willmann, „recht gern!“ Und indem er ihn prüfend ansah, fuhr er fort: „Sind Sie in der That so kindlich, daß Sie nicht wissen, was Schadenfreude ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will sich amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem schönen und guten Stück, dann will es sich auch negativ amüsiren an der Durchhechelung, ja an der Zerrupfung eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger, als Sie anzunehmen scheinen.“ — „Das glaub ich nicht!“ rief Heinrich in edlem Eifer.
Willmann schüttelte den Kopf. „Ihre realistische Durchbildung,“ sagte er, „ist noch lange nicht vollendet. Der Umstand, daß solche Artikel geschrieben werden, und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen, beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei der großen Majorität der Leser. Schläge sind freilich sehr unangenehm für den, der sie bekommt; aber für den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar beglückend. Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner in Stadt und Land, sondern auch manche vom zarten Geschlecht, wie ich’s kenne, den Artikel mit Vergnügen lesen werden.“
„Und trotzdem soll ich —?“ — „Nichts dagegen thun — allerdings! Und zwar darum nicht, weil auch das vorübergeht, wie der Wind“ — „Indessen,“ versetzte der Poet, „hat dieser Mensch nicht nur mein Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!“ — „Das ändert gar nichts,“ entgegnete Willmann. „Im Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu Gute und schadet dem Kritikus, weil das Publikum sich diesen Vorwurf nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,“ fuhr er ihn heiter ansehend fort, „wohl gar Lust, Händel anzufangen, weil man Ihnen vorgeworfen hat, daß Sie lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen? Im Namen der Preßfreiheit verlang’ ich, daß Sie’s gedruckt seyn lassen!“
Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte beide umsehen machten. Sie erblickten den Professor Sartorius, den der Heimweg vom Gymnasium an ihnen vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des Gegengrußes, sah nun auf den Poeten mit einer so stechend vergnügten Miene, daß dieser sich augenblicklich sagte: „Er hat’s gelesen — und ist glücklich darüber!“
In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich Beschämte die Kritik mit großem Vergnügen entdeckt und genossen — er hatte sie in der Tasche, und freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich auch eine kleine Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist und Literat (eine Gattung, von der sonst eben er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein durchaus zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität gegen den Poeten.
In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser Humor auf, und sein Angesicht ward heiter. „Sie haben Recht!“ sagte er zu dem Freund. „Laßt sie schimpfen und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann sind wir wieder oben!“
Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den Dramatiker wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden Kritiken waren Lob und Tadel auf eine für den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und dieser konnte das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen. Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch ab, erbot sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel gegen eine mäßige Tantième zu versenden, zu protegiren, und man traf eine Verabredung zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß die Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch mehr Glück machte, als die erste Aufführung. Das überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt in eine sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit einem Sturm loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen des ersten Leseabends verwirklichte. Der Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte sich in den brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden Applauses unendlich wohl, eilte zum Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und unter Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft und Seligkeit.
In der sichern Voraussicht, daß es wieder „gut gehen“ würde, hatte Willmann ein kleines Souper in einem besondern Zimmer des nächsten Gasthauses veranstaltet. Theaterfreunde und Schauspieler, darunter die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen, speisten und ergaben sich bei nachfolgendem Weinpunsch fröhlichem Gespräch. Es war natürlich, daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand auf, schilderte mit elegantem Lob das Bestreben und Verhalten des Freundes, hob namentlich die Ausdauer hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph geführt habe, und sprach den Wunsch aus, daß die Verbindung des Dichters mit dem Theater, insbesondere mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende, sondern eine dauernde seyn möge.