Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe der Versammlung gerührt, begeistert, erwiederte: „Meine Freunde! Auf den ehrenden Wunsch, den ein Kenner und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet hat, muß ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen Thätigkeit mit dem wirklichen deutschen Theater das Ziel meines Lebens ist und immer bleiben wird. Dramatische Dichtung und Darstellung müssen Hand in Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte fast sagen, wie Mann und Frau! Sie sind geschaffen, sich wechselseitig zu hegen, zu fördern, und nur im engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem Hinblick auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze hervorgebracht wird, erlangt nicht nur größere Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren Werth an Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie ist es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor allem ankommt. Wir wollen hier nicht den Reiz der Erzählung und nicht den Zauber des Liedes auf Kosten des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen werden, dürfen sie nur Elemente — Zierden bilden zum Vortheil der Handlung. Die Bühne weist den dramatischen Dichter auf dieses höchste Ziel immer wieder hin, sie zieht ihn von den Abschweifungen in die Gebiete des Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum wird es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer gewesen ist: die reinste Entfaltung der Dramatik auch als Poesie wird abhängen von dem lebendigen Verkehr der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck bühnengemäßer Wirkung gestellt werden.“
„Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem Theater, muß aber in diesem Bund allerdings frei seyn und jene Forderungen des Theaters vollkommen selbstständig erfüllen: durch Poesie — durch Wahrheit und Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig epischen oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück, aber immer noch ein dichterisches Werk; ein Drama, das nur Bühnenstück ist, sinkt aus der Sphäre der Poesie überhaupt in die Region der Machwerke und Surrogate. Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern zu wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung des wirklichen, des oft sogenannten prosaischen Lebens, und wie weit ich selber in meinem ersten Versuch hinter dem Ideal zurückgeblieben seyn mag, Kunstverständige geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung in ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber von allen Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem liebevollen Geist, der die Stoffe kunstgemäß bildet; aber da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch der Kunst aufgetreten wird. Das Drama, das den Forderungen der Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, erhebt, adelt die Darstellung. Das Bühnenstück aber, das jene Forderungen täuschend erfüllt durch sinnlich wirkende Effekte, degradirt die Bühne und entwürdigt die Kunst zum prosaischen Gewerbe.“
„Es gibt einen wahren und einen falschen Bund der dramatischen Dichtung mit der Bühne. Der wahre Bund zweier gleichmäßig freien, in wechselseitiger Liebe freien Künste, die sich einander ganz machen und gebend und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen Gedichts — dieser Bund der Ehren und des ehrenhaften Vortheils — er lebe hoch!“
Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen Rede, und unter nachträglichen Bravos stießen Alle mit dem Poeten an. Berger konnte aber nicht umhin zu bemerken: „Treffliche Grundsätze und sehr gut ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!“ — „Handeln Sie darnach,“ rief Hallfeld pathetisch dagegen, „und lassen Sie sich nicht irre machen! Wenn dem Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.“
Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch und eine Discussion hervor, die unter Anleitung Willmanns die Frage mehr und mehr in Erwägung praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter den Streitenden eine Art Versöhnung zu Stande, indem die idealere Partei zugab, daß unter Umständen auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich künstlerische Bühnenleistungen möglich machten, und man ging endlich in guter Freundschaft auseinander.
Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte er sich, trotz des reichlichen Genusses alles Guten, doch vollkommen heiter und kräftig. Aber das Glück der Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß es die Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht, und nicht nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern auch Hypochondristen können wir nach einem Triumph, den sie während eines anstrengenden Schmauses gefeiert haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen.
Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz gehalten hatten, waren erfüllt, der Tag der Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte heute noch fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken, legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den guten Recensionen dazu und machte sich dann auf zu den Freundinnen, um Abschied zu nehmen.
Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe hinan stieg, um zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit denen er so lange und so herzlich verkehrt, von denen er so viel Liebes erfahren hatte. „Wie wird es Rosa aufnehmen?“ rief’s unwillkürlich in ihm. „Keine Einbildung!“ antwortete er sich selbst, und zog entschlossen die Klingel.
Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit sanft heiterer Miene grüßte sie ihn; aber die Ahnung, was ihn herführe, gab ihrem Gesicht alsbald einen Schein von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst überkam ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein kleines Gespräch über den gestrigen Abend, das den ersten Erkundigungen und Antworten folgte, hielt nicht lange vor. In dem Schweigen, das eintrat, nahm sich aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst und sagte: „Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.“
Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die Thatsache doch so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr: „Ah!“ rief sie, indem eine leichte Blässe über ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln, setzte sie hinzu: „Ich begreife!“ — „Ich reise zu den Meinigen,“ fuhr Heinrich fort, „die guten Nachrichten selber zu überbringen —“ — „Freilich, freilich!“ rief die Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie schmerzlich sie den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr gelingen.