Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich Glücklichen zuwendet, und mit einer gewissen Laune im Ton, fuhr sie fort: „Da wird große Freude seyn im Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert vom Publikum, angegriffen vom Neid, gerühmt von dramaturgischer Weisheit! Was können die Verwandten und die liebende Braut sich Besseres wünschen? Das Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend bewiesen, und der öffentliche Erfolg in der Residenz muß dem Sieger die Huldigung der Provinz eintragen! Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden und die Freunde werden glücklich seyn — die hiesigen, das mögen Sie glauben, nicht am wenigsten!“
Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich so befreit, daß ihre Miene bei den letzten Worten das reinste Wohlwollen ausdrückte. Der Schein desselben wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten. Ja, es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte — nicht mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem Zögling und wollte sein Bestes; aber sie lebte in einer Sonnensphäre der Kunst und der Seelengüte, von wo sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück hernieder sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen, die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in ihr einen guten Engel, einen Schutzgeist; von ihr geleitet, gefördert zu werden, hatte sein günstiges Geschick ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie immer, traulich sein ganzes Herz öffnen.
„Ja,“ rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden, „so, hoffe ich, wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dieser Erfolg hat mir auch noth gethan. Wie sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern und Verwandte, die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, wenn ich heimkehre, werden sie befriedigt seyn und Augen machen wie Kinder vor dem brennenden Christbaum. Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann, wird auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich höher stellen, meinen Zusagen überhaupt und völlig glauben, und sie können es auch. Nachdem ich — mit Ihrer Hülfe, liebste Freundin — meine Kraft erprobt habe, ist mir’s, als ob mir Alles gelingen müßte. Es liegt mir in den Fingern und ich meine es nur auf’s Papier werfen zu dürfen. Ja, ich führe Auguste einem gesicherten Loos entgegen, ich bin davon überzeugt, und werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.“
Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden Blick beigestimmt hatte, sagte: „Wann wollen Sie reisen?“ — „Heute noch, in einer Stunde,“ erwiederte Heinrich. „Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe nichts an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig mündlich zu schildern.“
„Ich verstehe,“ rief das Mädchen. Mit einem Lächeln der Trauer, das aber sogleich in ein Lächeln der Liebe überging, reichte sie ihm die Hand und sagte: „Reisen Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das Ihr Herz sich wünscht! Aber — vergessen Sie dabei nicht ganz Ihre hiesigen Freunde!“
„O,“ rief Heinrich, „von niemand wird in unsern Unterhaltungen öfter und ehrenvoller die Rede seyn, als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen Lippen erschallen, und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre, wird unser erster Gang zu Ihnen seyn!“ — Rosa nickte dankend. „Empfehlen Sie mich,“ fuhr Heinrich fort, „der lieben Mutter, es ist mir leider unmöglich, sie zu erwarten. Und nun — leben Sie wohl!“
Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie, mit edler Freundlichkeit, sagte: „Die herzlichsten Wünsche nochmals, und auf Wiedersehen!“ — „Auf Wiedersehen, unbedingt!“ entgegnete Heinrich, nickte mit einem Blick des Dankes und verließ die Stube. — Rosa begleitete ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach: „Grüßen Sie die Braut von der Freundin!“
Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das Möglichste war geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. — Erschöpft, von tiefster Trauer bezwungen, warf sie sich auf’s Sopha.
Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte ihr Leid besiegt und die erhabene Freude der Großmuth empfunden. Aber dabei hatte sich doch wieder eine Art Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer möglich ist, auch nicht ganz und gar ohne Grund war. Jetzt aber, wo der Geliebte nach erreichtem Zweck unmittelbar zu der Andern eilte, um das Band mit ihr unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer von Hoffnung genommen. Er war dahin für sie! Und wer konnte ihr verbürgen, daß er als Gatte der Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?
Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den Ereignissen voraus. Sie sah ihn in die Arme der Verlobten sinken und dieser, was sie selbst vergeblich ersehnt hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil werden. Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte über ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. Jener war alles gegeben, ihr war alles genommen: unselig wehvolles, grausames Geschick! Und wieder die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? — „Nein!“ mußte sie selber entscheiden. Denn welche Vorzüge sie haben mochte, sie liebte ihn nicht wie sie! Sie hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein gutes, fühlendes, reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von dem schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, von dem Weitblick des Geistes und der Beschränktheit des kindlichen Sinnes! Für sie hatte die Natur ihn werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen! Seine Schwächen waren ihr lieb, so lieb wie die Gaben, womit Gott und Natur ihn ausgestattet! Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich seyn mit ihm!