Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden und sich mitten in einer Welt des Leichtsinns, der oft so reizend ist, rein erhalten für ihn? So sehr, daß auch ihr Herz — ihr so oft kalt genanntes Herz — jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? Und alles das nur, um das Liebste zu entbehren und für ihr ganzes Leben beraubt und elend zu seyn?

Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das Antlitz drückte ein Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr Inneres zerfloß. Thränen stürzten ihr in die Augen und rollten die Wangen herab; sie gab sich ihrer Leidenschaft hin und weinte wie ein Kind.

X.

Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern suchte, fuhr Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen Platz in einem wenig besetzten Coupé und sah die letzten Bedenken, die sich nach dem Abschied noch in ihm erhoben hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut, die schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs April, die Luft mild, der Himmel dünn überzogen, die Wälder schwärzlich braun, aber Saatfelder und Wiesen grün; und fort ging’s in gewaltigem Rollen, dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da beschäftigt die dichterisch erregte Seele der Augenblick mit seinen Erscheinungen, und wenn sie darüber hinausgeht, so ist’s, in die Zukunft, der man entgegen zieht; das Vergangene ist verschwunden.

Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die Bilder der Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum zwischen sich und ihr kleiner und kleiner werden, und es war ihm, als ob er einem Paradies entgegen zöge, das auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über die Gegenwart hinweg, um das Künftige zur Gegenwart zu machen.

Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat und sagte: „Hier bin ich! Ich hab’ Alles gehalten, was ich versprochen, und Alles erreicht, was ich mir vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen, eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!“ Welch ein Triumph, wenn er ihre Seelen mit Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn die Familie und die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und er endlich in der That als das vor ihnen galt, was er war!

Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der Heimath. Nach einem alten Worte gilt der Prophet nichts im Vaterlande; deßwegen muß er eben fort aus ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie aber gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer zu genießen in dem Winkel der Erde, der ihn leben und streben sah, unerkannt, ungeglaubt. Die Menschen, denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch die That, das ist die Vollendung seines Werks, und wenn er dann die Mienen, deren Zweifel und Spott ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster Ehrgeiz gestillt; — der Moment ist gekommen, wo er befriedigt ruhen kann.

Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer wieder zur Produktion sich drängte. Mitten in den Visionen des Glücks erzeugte er Gedanken und Entwürfe zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, und wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer Thätigkeit. Es waren dieß nicht Bilder, wie er sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern in seiner Tragödie angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste; sie konnten überschritten, überglänzt werden durch Gestalten, die den größeren Geist und Charakter, den höheren Schwung der Seele in der gemessen schönen Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter ausdrückten. Das war und blieb der Gipfel der Kunst, und ihn zu ersteigen, vielmehr zu erfliegen, glaubte er sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel, das in der Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben malte, verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden Farben ausgeführt war; und falls ihm selber künftig anziehende Stoffe sich boten, wollte er sich ihnen nicht entziehen. Aber die eigentliche Aufgabe des dramatischen Dichters war doch das hochpoetische Drama, die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten Charakteren und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften die höchst möglichen Erscheinungen der Erde vor Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf diesem Feld konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen — die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und neuer Zeiten sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu solchen Arbeiten gedrängt von Jugend auf, sie waren seine erste Liebe — sie mußten auch seine letzte seyn. Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren Gebilde durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der Wirklichkeit. Vielmehr: noch wahrer mußten jene Gebilde seyn, als diese, weil sie schöner seyn mußten, und in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten, sondern ewiges. — Darin lag nun eben der Fortschritt, den er in Abweichung von seinem ersten Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis der falschen die wahre Idealisirung sich eingeprägt — daß er das Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des gesunden Höchsten.

Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte ihm den Beifall des Publikums errungen. Die idealeren, die ihm gelingen mußten, sollten ihm diesen Beifall auch erringen, aber das Publikum zugleich in die Höhe hinanheben, die er selber erstiegen — beglückend und wahrhaft fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich erweisen.

Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, sah er für sich hin, wie sich erinnernd, und ein Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös hatte man die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen und deßwegen herabgestimmt, wo er vermochte. In dem wahrhaft poetischen Drama, wie es ihm nun vorschwebte, konnte er aber sein Ideal des Weibes den höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es natürlich; denn in solche Sphäre gehörte dieser Ton. — —