Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof eines größern Ortes, von welchem Heinrich seinen Weg mit der Post fortzusetzen hatte. Sein Gepäck an sich nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und benützte die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. — Der Wagen, der ihn aufnahm, war glücklicherweise nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das heimlichere, poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße Träumereien.

In derselben Stunde, welche den Poeten seinem Reise- und Lebensziel entgegenbrachte, erging auch an die Zurückgelassene in der Residenz ein Ruf, den sie für ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.

Sie hatte sich ausgeweint — recht von Herzen — und eine eigen wohlthuende Stille war in sie gezogen: jener Friede der Genesung, wo die Seele, von einer erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen wieder erhebt und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu ertönen scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte sie nicht zu verbergen. Als die Mutter heimkehrte, trat sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen entgegen und erwiederte auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton unverholener Trauer: „Er hat Abschied genommen — und ist fort!“ — Die Mutter nickte mit einem Blick liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen sagte sie: „Um so besser!“

Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand war nicht mehr berührt, das Mädchen gefaßter worden, und der Schein einer still gehobenen Seele klärte ihr Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben von der Intendanz nebst einer Rolle.

Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem Munde. Ein schon länger erschienenes, von der Hofbühne aber seit Jahren nicht gegebenes Drama sollte auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die Hauptperson darin war eine Figur, die der zweiten Liebhaberin, nach den bisherigen Begriffen von ihr, immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber nicht mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das fein, ergreifend und schwungvoll ausgeführte Bild einer in schmerzlichen Lagen, in einer Steigerung von Leid sich bewährenden treuen Liebe. — Die Intendanz, von jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen Künstlerin an, ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen vermöchte. Jene, welche die Dichtung kannte, war sofort entschlossen und antwortete mit einem dankbaren Ja.

Es war — das Ganze der Rolle angesehen — ein Schritt auf eine neue und wesentlich höhere Stufe der Darstellung, eine Aufgabe, bei der sie sich etwas zuzumuthen hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein wahrer Segen für sie.

Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster Bedeutung. Sie war nicht nur ein Ersatz für das mangelnde Glück des Lebens, nicht nur auch ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben, der größere Wirkungskreis. — Menschen darzustellen mit allen Mitteln einer lebendigen Persönlichkeit; feinen, fühlenden Seelen zu erscheinen in den anmuthigsten, wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen sich einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine Freude zu seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was dichterische Phantasie geschaffen, am schönsten zu versinnlichen und dadurch nicht nur zu beglücken, sondern Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber dennoch weiter führt: — das ist fürwahr eine Thätigkeit, die ein Menschenleben ausfüllen, in der ein Menschengeist sich genügen kann.

Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend, sagte zu sich selbst: „Das Eine ist mir genommen, das Andere gegeben; ich muß zufrieden seyn. — Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis zu erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse. — In Gottes Namen! Ich will nur Künstlerin seyn, aber dieß ganz! Und wer weiß? Vielleicht hab’ ich doch Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht besser spielt, als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die entbehrende Seele das Leben der Liebe um so glühender auf der Bühne, und der Verlust des Menschenherzens wird ein Gewinn der Kunst, ein Gewinn für ihre Freunde. — — Einerlei! Diese treu Liebende, die ein deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und groß in der Schmach, die sie vernichten sollte, dieses schöne Bild will ich spielen und mir gütlich thun dabei. Ich will es aus mir herauslassen, was mich schmerzt und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, sollen sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin! Wahrlich, unsereins darf nicht verzweifeln, ja kaum klagen! Eine Andere müßte sich grämen und die Wunden von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen ergießen, daß es rührt und wohlthut! — — Es ist,“ setzte sie nach einem Augenblick lächelnd hinzu, „ein wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin, das ist nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll’s genug seyn!“

Die Aufführung des Stücks war für die nächste Woche beantragt. Rosa nahm die Rolle vor, erwog sie nach ihrem Grundcharakter und ihren Wandelungen, vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. —

Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach einer Wendung um eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm in Abendbeleuchtung, bescheidener als die Residenz, aber heimlicher, und für den liebenden Dichter von einem bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen Thürme schauten so freundlich bekannt und doch poetisch anders her zu ihm, der selbst ein Anderer geworden. Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen so traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche, da lag es, das Heim seiner Seele, das Haus, das die Erwählte beherbergte. Der äußerste Garten vor der Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er begrüßte sie.