Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße: das Herz des Liebenden begann zu klopfen, in Gefühlen zu klopfen, die ihn überraschten. Die stolze Freude, womit er vor Auguste und die Eltern zu treten gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause kam, je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein unwillkürliches dumpfes Beben zur Folge hatte. Sahen die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen mit seinen Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents in seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der Tochter in die seine mit dem ehrenden Vertrauen, das er fordern konnte, und das zu seinem Glück unentbehrlich war? Oder? —
Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken, welche den Moment des Wiedersehens trüben wollten — über den Kleinmuth, der kränkend war für die braven Leute — kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher doch so freundlich geführt hatte.
Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um und eilte dem stattlichen Hause zu. In den untern Gang eingetreten, erblickte er eine alte, seit Jahren zum Haushalt gehörende Magd, die ihn in der Dämmerung forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf der Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des Bedauerns hatte.
Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken und rief erfreut: „Hanna! — Wie steht’s? Sind alle zu Hause?“ — „Ja, Herr Heinrich,“ war die Antwort. — „Alle?“
„Alle miteinander.“ — „Gut!“ rief der Glückliche, machte einen Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich an und sagte zu der ernst vor ihm Stehenden mit Lächeln: „Melde mich, Hanna!“
Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. Aus’s neue begann sein Herz bange zu pochen. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte sich, die Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und bald gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.
Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. — Warum ließ man ihn warten? Was hatte das zu bedeuten? Niemals war ihm das begegnet in diesem Hause! — Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: „Sie sind willkommen, Herr Born.“ Heinrich betrachtete sie und sagte: „Du bist so ernsthaft, Hanna. — Es ist doch nichts vorgefallen? Keinem ein Unglück begegnet?“ — „Durchaus nicht,“ erwiederte die Alte nicht ohne ein gewisses Mundverziehen. „Sie werden aber doch nicht mehr Alles so finden, wie’s gewesen ist!“ — „Was ist geschehen?“ rief Heinrich schnell. — „Gehen Sie nur hinauf!“ war die Antwort. „Sie sind im großen Zimmer.“
Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu gerechtfertigt waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an die Thüre und trat auf das „Herein“ des Vetters in den Salon.
Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, nicht weit von ihnen Auguste, und neben ihr einen stattlichen, elegant gekleideten Mann von seinem Alter, den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu haben. Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut, als selbst er, die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund und braun. Aussehen und Haltung verriethen einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit verleihen.
Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen Ausrufungen, womit er den Verwandten in die Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und gar. Da man auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete, da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem verlegenen Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn mit einemmal die schlimmste Ahnung, und eine unbeschreibliche Verwirrung ergriff ihn.