Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer Haltung, deren sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt hätte, trat einen Schritt näher und sagte, vorstellend, zu Heinrich: „Herr Kronfeld, Sohn unseres Verwandten, den du kennst — mein Bräutigam.“ Dann zu diesem: „Doktor Born, unser Vetter — der Dichter, dessen Lob du in den Zeitungen gelesen hast.“
Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte seine Freude, die Bekanntschaft zu machen, nicht ohne einen merklichen Zug von Triumph in dem ruhig vornehmen Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte mechanisch.
Das Wort „Bräutigam“ hatte ihn trotz seiner Ahnung wie ein Donnerkeil getroffen und auf einen Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er wieder eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er Auguste und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz wäre, den sie mit ihm vorhatten — eine Comödie, die sie spielen wollten. — Aber die Mienen Aller widersprachen dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten Entschluß; die Eltern sahen verlegen und sarkastisch her, wie man auf einen Geopferten und Getäuschten zu blicken pflegt.
Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war begangen! Er war betrogen, geäfft, gehöhnt auf’s Schnödeste! Ein Abgrund von Treulosigkeit that sich vor ihm auf. — Doch, ein unmännlich Jammerbild wollt’ er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die Falsche war seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht seines Zorns und einer Scene, die erzürnte Vorwürfe herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe der Verachtung mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das verächtlich Werthloseste entzogen wird! —
Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht, was dem Dichter gelingen konnte, und auch in der That nur sein erster Gedanke. Ihm geziemte der Stolz der geistig sittlichen Ueberlegenheit und des reinen Bewußtseyns. Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen holen mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie sich nicht weiden an dem Geknickten, so war er doch zu gut, namentlich aber zu groß dazu, um Böses mit Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht nur in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch in der That und Wahrheit. Er wollte sie vernichten durch den Adel des wahren Poeten und durch die stolze Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging.
Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, entgegnete er mit einer ironischen Artigkeit, die in der That ganz von oben kam: „Halten Sie es meiner Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu antworten. Sie kennen meine Gesinnung und wissen, welchen Antheil ich an Allem nehme, was Sie betrifft. Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und möge dir, liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden, das du verdienst — und das der Mann deiner Wahl dir verbürgt!“
Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der Braut sehr fühlbar wurde, befreite die Gemüther gleichwohl: die Scene, die man fürchten mußte und fürchtete, obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen hatte, war vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein Schein von Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen Mienen. Der Vater ergriff das Wort und versetzte mit großem Ernst: „Ich danke dir, Heinrich! Wenn Leute, die sich lieben und in jeder Beziehung für einander passen, Glück haben können in der Welt, so dürfen wir’s für unsern Sohn und unsere Tochter hoffen. Herr Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen und erst vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die Fabrik seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen, die er auswärts gesammelt hat, Gebrauch machen. Schon jetzt beschäftigt er dreihundert Arbeiter —“
Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus der die ganze still sublime Geringschätzung des Idealisten heraussah. — „Es werden aber,“ fuhr jener mit einem Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter dadurch mehr als gerechtfertigt wäre, „mit der Zeit nochmal so viel werden.“ — „Das ist in der That großartig!“ rief Heinrich. „Wie ich meine Cousine kenne, ist das auch der rechte Wirkungskreis für sie, das eigentliche Feld für ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren auf’s Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche — und freue mich, daß sich Alles so schön gefügt hat.“
Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie, die sie ihm gönnen mußte, halb über die Art, gute Miene zu machen, wofür sie’s nahm. In Folge eines instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann sie: „Laß uns jetzt aber auch von dir reden, lieber Heinrich! Du hast Glück gemacht, dein Stück hat Beifall gefunden. Wir haben’s gehört und gelesen.“
Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete mit einer Miene der Geringschätzung: „Was will das heißen? Eine Kleinigkeit!“ — „Nun,“ bemerkte der Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt hatte, „es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne, eine solche Auszeichnung! Es ist immer ein schöner Anfang.“