„Ja,“ fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes Schamgefühl ausdrückte, mit einem Blick des Antheils fort; „es hat uns Alle außerordentlich gefreut —“ — „Und überrascht?“ fiel Heinrich ein; „natürlich!“
Auguste, erröthend, entgegnete: „Ich hab’ es nicht anders von dir erwartet.“ — „Du schmeichelst!“ versetzte der Poet mit voller Ueberlegenheit. „Ich, wenn ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses Zutrauen nicht von dir erwartet!“
Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr fort: „Ein Bekannter von uns, der zufällig dort war, Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung gesehen und uns genau erzählt, wie’s gegangen ist. Anfangs war er für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz auf einen solchen Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft gerühmt. Uebrigens“ — fügte sie lächelnd hinzu — „hat er gethan, was in seinen Kräften stand und dich mitgerufen.“ — Heinrich, lächelnd über die Naivetät dieser Mittheilung, erwiederte: „Sagen Sie ihm gelegentlich meinen Dank.“
„Es muß ein eigenes Gefühl seyn,“ bemerkte nun der junge Fabrikbesitzer mit der Miene eines über solche Triumphe glücklicherweise Erhabenen, „vor ein begeistertes Publikum zu treten und seinen Ruhm so handgreiflich in Empfang zu nehmen.“ — „Jedenfalls,“ erwiederte Heinrich, „fühlt man sich dabei geehrter, als in mancher andern Situation!“
Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese Bemerkung gut finden. Im Grunde schien ihm jetzt nicht nur das Eis gebrochen, sondern der fatale Handel so gut wie beigelegt, und nun kehrte der Geschäftsmann, der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich an und rief mit cordialer Ermuthigung: „Du mußt uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine Gesellschaft zusammen, Verwandte und Freunde, die du kennst und die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch hier deinen Triumph.“ — „Ach ja,“ rief die Gattin, „das wäre charmant!“
Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen stechenden Blick der Verachtung auf Menschen zu werfen, die sich’s mit ihm so außerordentlich leicht machten. Er nahm sich indeß zusammen und versetzte mit möglichstem Ernst: „Wird doch nicht gehen, Base. Ich will so bald als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen machen kann, nicht länger vorenthalten darf. Auch ich, wie Sie sich denken mögen, sehne mich darnach, sie wieder zu sehen.“ Und mit einem Ausdruck rückhaltloser Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte er hinzu: „Genießen Sie das Glück, das die rühmliche Verbindung Ihnen Allen verheißt! Die Gesinnung, die es geschaffen hat, wird es auch erhalten; und mit aller Freude, die ein Freund darüber empfinden kann, scheid’ ich nun! Leben Sie wohl!“
Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und einen durchdringenden Blick auf Auguste ruhen lassen. Diese schlug die Augen nieder und machte eine Bewegung, als ob sie in’s Herz getroffen wäre. Heinrich, es gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer.
Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. Als er der Alten ansichtig ward, rief er: „Du hast Recht gehabt, Hanna! — Gott sey, Dank! Das wär’ überstanden!“
Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr Gesicht in strenge Falten legte, sagte sie mit gedämpfter Stimme: „Fräulein Auguste hat sehr unrecht gegen Sie gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht nur meine Meinung, sondern gar viele denken so.“ — „Wirklich?“ rief der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. — „Der Herr Rektor,“ fuhr Hanna fort, „hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie mehr in unser Haus.“
„Ein Ehrenmann,“ versetzte Heinrich; „das ist begreiflich! — Nun, Hanna, lebe wohl! Es thut mir gut, wenigstens Eine treue Seele in diesem Hause getroffen zu haben.“ Ernst ergriff er ihre Hand, drückte sie und sagte herzlich: „Behalte mich in gutem Andenken!“ — „Oh,“ rief die Alte mit Thränen in den Augen, „Sie sind gut, Herr Heinrich, und Sie werden auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher! Machen Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie —“