Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den Kopf, machte eine Bewegung des Abschieds und ging der Thüre zu. Auf einmal, von der Treppe herab, ertönte der dringende Ruf: „Heinrich!“ Er kam von Auguste, die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu ihm herabstieg.
Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah er sie an und sagte kalt: „Was wünschen Sie von mir?“ — „Geh!“ versetzte das Mädchen mit einem Blick des Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht. „Stell’ dich nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte und Jugendfreunde!“
Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener Geringschätzung. Dann, nach einer Bewegung, die einen gefaßten Entschluß anzeigte, entgegnete er: „Nun, also — was willst du von mir?“ — „Ich muß mit dir reden,“ erwiederte das Mädchen. — „Wozu das, gute Cousine?“
„Du mußt mich hören!“ fuhr sie leidenschaftlicher fort. „Ich verlang’ es von dir! — Ich bitte dich darum,“ setzte sie weicher hinzu.
Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem Ausdruck des Verstehens. Sie ging ihm voran in ein Zimmer, das er selbst, wenn er auf Besuch hier war, zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene glaubensloser Neugier.
Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann: „Ich weiß, Heinrich, daß du mich verdammst. Du denkst das Schlimmste, das Niedrigste von mir, weil du nicht weißt, wie Alles so gekommen ist — und ich kann dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das ist geschehen nach genauer Ueberlegung; und ich hab’ nur gethan, was ich für meine Pflicht hielt.“
Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. „Ich will’s nicht bestreiten,“ sagte er dann. „Es gibt verschiedene Ansichten über das, was man Pflicht nennt.“
„Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin, hat mich einen großen Kampf gekostet,“ fuhr Auguste mit Nachdruck fort. — „Das kann ich glauben,“ erwiederte jener. „Dem Verlobten die Treue zu brechen —“ — „Wir waren nicht verlobt!“ fiel Auguste rasch ein.
„Förmlich nicht,“ versetzte Heinrich — „allerdings! Wir hatten nicht Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten ausgegeben. Aber ich hab’ das Verhältniß nie anders angesehen, und du schienst dich doch auch zu benehmen, als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst du dich vielleicht noch unseres Abschieds und was du mir dabei gesagt hast? Erinnerst du dich der Briefe, die du mir geschrieben? Mir schienen das Betheurungen einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist’s her, daß ich den letzten erhalten habe?“
Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment des Besinnens entgegnete sie, ohne die innere Bewegung verbergen zu können: „Ich will meine Briefe nicht verläugnen, ich will kein Wort verläugnen, das in ihnen steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du hast mich liebgewonnen und ich dich, und wir haben so fortgelebt wie in einem Traum. Aus der Freundschaft naher Verwandter, die sich dutzten von Jugend auf, ist ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als es war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens mich weiter geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne deine Base zu seyn, hätt’ ich nie mit dir Briefe gewechselt.“