„Mag seyn,“ versetzte Heinrich, indem seine Augen zu funkeln begannen. „Aber du hast sie nun einmal gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe und Treue vernommen und wieder vernommen — hast es erwiedert! Und wenn auch in deinen Briefen nicht die Wärme, die glühende Liebe herrschte wie in den meinen — von der Jungfrau hab’ ich das nicht verlangt —, so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für gebunden achtet, die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt hält.“

„Ja,“ versetzte Auguste, „das ist wahr — wahr von den Briefen, die ich dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben habe! Damals, wenn du mich von meinen Eltern hättest verlangen können, wär’ ich dir gefolgt, mit Freuden gefolgt!“ — „Aber dann,“ versetzte Heinrich, „kam ein Anderer und Besserer —“ — „Nein!“ unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher änderte sich meine Gesinnung — und mußte sich ändern.“

Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; Auguste fuhr fort: „Erinnere dich, wie es dir ergangen ist, und versetze dich in meine Lage! Du bist in die Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die wir hier alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher du für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und die größten Vortheile versprochen hast. Du hast sie nicht einmal zur Aufführung bringen können. Und wie zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du doch selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht eignete. Dann hast du ein neues Stück angefangen und warst deiner Sache ganz sicher und hast mir wieder die besten und schönsten Erfolge prophezeit. Ich habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst bedenklich geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. Da, nach Wochen erneuerter Hoffnungen, schreibst du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben und du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin den Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht, ich will es nicht läugnen, wankte auch mein Vertrauen.“ — „Zur unrechtesten Zeit!“ fiel Heinrich ein.

Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und sagte: „Ich bin keine Dichterin, wenn ich auch Dichter verehre; ich kann mir die Dinge nicht durch Phantasie verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind. Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du mein Vertrauen gerechtfertigt, so wär’ ich die Deine geworden. Aber nachdem zwei deiner stolzesten Verheißungen unerfüllt geblieben waren und sich recht eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär’ es mir möglich gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie konnte ich annehmen, daß dir mit dem fremden Entwurf gelingen werde, was dir mit deinen eigenen, die du so begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest, nicht gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein Talent überhaupt in einer Täuschung befangen warst, daß deine Kräfte zu dieser Art von Arbeiten nicht hinreichten, daß deine Bemühungen vergeblich seyn und bleiben würden — und daß du mich, wenn auch mit dem besten Glauben von der Welt, hinhalten würdest und müßtest, weil dir ein Plan um den andern fehlschlug.“

Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm das Wort im Mund ab, indem sie fortfuhr: „Sag’ selbst, welch ein Schicksal erwartete mich unter diesen Umständen? Wenn ich den Bitten, den dringenden Mahnungen meiner Eltern auch hätte widerstehen können, so wurde ich älter; ein Jahr um’s andere und mit ihm das bischen Jugendblüthe ging dahin; und wenn mir das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen ist — wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber dein Herz von mir abkehrtest?“

„Oh!“ rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. — „Es wäre nicht das erstemal,“ fuhr Auguste fort, „daß ein glühender Liebhaber kalt würde und sich zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue Liebe kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als die Pflicht der Treue. Genug, wenn ich mich nicht selbst verblenden wollte, konnte ich jetzt in einem fortgesetzten Verhältniß weder mehr auf mein Glück rechnen noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch sonst von ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung für sich allein nicht bestreiten, nicht mehr bestreiten, mein guter Heinrich! Von dem Augenblick nun, wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete ich mich nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und wenn du meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, wirst du dich überzeugen, daß sich in ihm nur die sorgenvolle Theilnahme an deinem Schicksal ausspricht, wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem ich diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, gewann sein Herz, ganz ahnungslos von meiner Seite, und hörte seinen Antrag. Ich verbrachte trotz alledem Tage der größten Aufregung und der peinlichsten Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den dieser Schritt auf dich machen würde und eine Stimme in mir doch wieder für dich gesprochen hatte. Aber von dem ausgezeichneten jungen Mann, von meinen und seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen gedrängt, denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte, sagte ich endlich Ja.“

Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung einer schlechten Sache, und entgegnete bitter: „Das war zu derselben Zeit, wo dein Geliebter und Verlobter sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine rühmliche Zukunft, uns beiden eine geehrte Existenz verbürgte!“

Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen Blick des Mitleids auf ihn zu werfen. „Heinrich,“ erwiederte sie, „ich freue mich dieses Glücks von ganzer Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber erhalten habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, die du darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut dafür, daß dieses Stück auch anderswo so gefällt wie da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt und natürlich ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür, daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen, auch nur gibt? Und wenn es gegeben würde und gefiele, wer verbürgt dir, daß deine neuen Arbeiten eben den Beifall erhalten wie diese, die unter so besondern Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht die Existenz eines einzelnen Mannes, geschweige denn einer Familie. Ich habe darüber im Hause meines Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen Dingen bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich in meinem Entschluß nur bestärken konnten. Darum will ich dir aber jetzt das Herz nicht schwer machen. Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten gelingt, und niemand kann es inniger wünschen als ich. Aber ich, in meinen Verhältnissen, konnte an diese Möglichkeit — noch dazu in einer Zeit, wo sie eine höchst entfernte war — nicht das Schicksal meines ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir und meinen Eltern das gesichertste, ehrenvollste Loos und ein Wirkungskreis geboten war, wie ich ihn mir immer gewünscht habe.“

Heinrich stand mit bebender Lippe. „Richtig!“ entgegnete er; „richtig — und abscheulich!“ — Auguste sah ihn an wie eine Verletzte. — „Du hast sehr einsichtsvoll gehandelt!“ fuhr jener fort; „als ein wahres Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! Aber von Gemüth und von Würde der Gesinnung erblick’ ich keine Spur in deinem Verhalten! Wenn diese Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen; denn immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige Zusage gegeben und unwandelbare Treue hoffen lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil, mehr Sicherheit, man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn, also laßt uns absagen und unser Lebensglück begründen!“

„Heinrich!“ rief das Mädchen, gegen diese Auslegung sich wehrend, in einem Tone zugleich der Scham und der Entrüstung. — „Geh,“ rief dieser, „du kennst die Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit wunderbarer Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht. Die Liebe will keine Sicherheit, sie will das Wagniß und die Gefahr, und freut sich ihrer! Denn nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt gegenüber kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur in der Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich! Die Liebe scheut nicht zurück vor dem Gedanken des Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe hofft Alles und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist auch bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem zeitlichen Verlust ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle dich zu deines Gleichen! Du verlierst mehr, als du gewinnst! Ein einziger Augenblick einer edeln Seele, die göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren! Ich habe mich getäuscht, ja; aber nicht über mich und mein Talent; denn in mir glüht eine Flamme, die nie verlöschen und nur immer heller aufleuchten wird! Ueber dich hab’ ich mich getäuscht und über deine Gesinnung! In dir hab’ ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin hab’ ich dich gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist, als ein Weib, und zwar ein gewöhnliches Weib, mit all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge für den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß es tragen! Ich bin verschmäht und weggeworfen, und soll meine Schmach nun auch noch für Recht erkennen und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch, Gott sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben und liebend wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, die mir anhängen mit einer Liebe und Treue, die nichts wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles empfangen soll, was du verschmähst, und die es mit Freuden empfangen wird! — O,“ fuhr er mit Thränen in den Augen fort, „der Boden brennt mir unter den Füßen — nie, nie werd’ ich dieses Haus mehr betreten!“