„Heinrich!“ rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem Bedauern in dem glühenden Gesicht. Aber dieser war fertig. „Fahr wohl!“ rief er mit einem Stolz, der sein Gesicht leuchten machte; „fahr wohl für diese Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß, daß meine Liebe jemals dir gehört hat! Sie war die Tochter des gröbsten Irrthums, ich bereue sie — und sie ist dahin für immer!“
In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen Schritten verließ er Zimmer und Haus. Auguste, sich fassend und wieder aufrichtend, sah auf die offene Thüre. „Er stürmt fort,“ sagte sie zu sich selbst, „mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir doch lieb, daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat meine Gründe gehört, und wie schlecht sie ihm jetzt vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß ruhiger bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. Ich hab’ doch recht gethan, mich nicht für mein Leben an ihn zu fesseln. Das erkenn’ ich jetzt mehr als jemals. Und,“ setzte sie mit einem Ausdruck voll Selbstgefühl hinzu, „wie verächtlich mein Loos ihm erscheinen mag, ich nehm’ es an.“ —
Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf sein Zimmer und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein Herz war unendlich gedrückt, von einem Strom der bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs und des Zorns. „Welch ein Verrath!“ rief er. „Welch ein Abgrund von Selbstsucht! Ist es möglich? Hab’ ich mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich, unverzeihlich! Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei ihr Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach für mich! Sie hab’ ich angesehen und dargestellt als das Ideal des Weibes! leuchtend in allen Tugenden, die sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie des Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner waren als eben ihr! Doch — in Gottes Namen! Sey mein Irrthum der gröbste gewesen, Liebe hat in mir geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag ich der Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose war! Denn der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, und wo die Liebe fehlt, da fehlt das Heil und die Ehre des Menschenthums!“
Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem Ernst nickend, fuhr er fort: „Unerhört ist die Kränkung, die ich erfahren habe, und ich weiß es, ich werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell nicht genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und endlich, so Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner Eltern, das Herz edler Seelen, die mir Antheil bezeigt und mit liebevoll uneigennütziger Freundlichkeit und Güte mich gefördert haben.“
Er hielt inne, und während die Thränen in seinen Augen versiegten, starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr er zusammen. Eine dunkle Röthe ergoß sich über seine Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge, die nur Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf einmal Schuldgefühl, Scham und Sorge.
Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus: „Zu meinen Eltern! Sie sollen meine Ehre, meine Schmach erfahren! — Bei ihnen hoffe ich Ruhe und, so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!“
XI.
Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schön, und der schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fähige hatte, in der offnen Chaise, die er für sich genommen, allein durch Feld und Wald hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die sonnige Höhe — die frohen, frischen Klänge, die ihn von allen Seiten umtönten, übten auf das gedrückte Herz eine freundliche Wirkung. Je weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren: die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer.
Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflüge, deren er sich hier erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte ihn in der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit des Bandes, das Eltern und Kind verknüpft. Die peinliche Erfahrung hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen; und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das Städtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefühle durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, vor dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mußte alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefaßter Miene vor sie zu treten.
Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen belehrten ihn, daß ein Geständniß nicht mehr nöthig sey. Die Untreue der Geliebten war im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glückwünsche nacheinander, während der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte. Er sah aber auch, wie die Freude über den öffentlichen Erfolg und den beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß er sich mit ihnen verständigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerührt sah er in die guten Augen, aus denen die treueste Liebe glänzte.